2. Rundbrief

November 2007

Hallo liebe Freunde, Verwandte und Unterstützer.

Nach nunmehr 3 Monaten in Brasilien ist es nun an der Zeit, meinen zweiten Rundbrief zu verfassen. Es ist, wie schon im Vormonat, wieder einmal unmöglich euch alles zu erzählen, da es den Rahmen dieses Briefes sprengen würde.
Die wohl wichtigste Nachricht zu Beginn:

ES GEHT MIR SEHR GUT!!!

Ich genieße die Arbeit, die Leute, das Essen, die Atmosphäre, das Nachtleben. Ich genieße mein Leben!!!

Arbeit:
Ich hatte wohl noch nie soviel Spaß daran zu arbeiten wie es momentan der Fall ist! Im ersten Monat arbeitete ich nur in der Kindertagesstätte und in der Farmacia (Krankenhausapotheke). Als Giselle (meine „Anleiterin“) dann für drei Wochen in Urlaub ging, wurde die Arbeit für mich erschwert, dadurch dass niemand der anderen Mitarbeiter dort Englisch spricht.
Dann kam eines Tages Ana-Paula, die Psychologin des Krankenhauses in die Tagesstätte um nach dem Rechten zu sehen. Sie spricht ein wenig Englisch und wir unterhielten uns über die Arbeit in der Kindertagesstätte. Ich sagte ihr, dass ich es nicht gut finden würde, dass die Kinder teilweise bis zu zwei Stunden täglich vor dem Fernseher saßen und immer aufgedrehter wurden. Und an der Spielplatzsituation hatte sich ja auch noch nichts geändert. Sie stimmte mir zu und wir überlegten gemeinsam mit Marcos, was wir an der Situation ändern könnten. Das Resultat: Seitdem das Team seine Arbeit abgeschlossen hat, haben wir viele Neuerungen in der Kindertagesstätte. Die wohl wichtigste Neuerung sind zwei neue Mitarbeiter, die den Alltag in der KiTa für alle anderen Mitarbeiter erleichtern. Des Weiteren wurden die alten gefährlichen Spielgeräte(siehe erster Rundbrief) abgeschafft und durch neue, bessere ersetzt. Außerdem haben wir jetzt auch ein großes Waschbecken auf Kinderhöhe und so können die Kinder selbständig ihre Zähne putzen.
Und zum ersten Mal seit ich hier bin hatte ich das Gefühl, endlich konstruktive Arbeit leisten zu können. Ich brachte meine Erfahrungen aus Deutschland in unsere Arbeit mit ein.

Wie ihr aus dem ersten Brief erfahren habt, war mein Einstieg hier nicht gerade einfach. Sprachprobleme, viele neue Eindrücke, das Wetter und einfach die komplette Umstellung bereiteten mir im ersten Monat viele Sorgen. Mittlerweile haben sich diese Probleme so gut wie erledigt, lediglich das Wetter macht mir noch zu schaffen.

Im letzten Monat habe ich sehr viele interessante und unterschiedliche Menschen kennen gelernt. Ich habe Gewinne und Niederlagen in meinem Arbeitsbereich erlebt und mir sind auch ein paar lustige Dinge passiert.
Doch der Reihe nach:

Interessante Menschen
Menschen begegnen einem hier auf die unterschiedlichste Art und Weise. Meistens lernt man sie dadurch kennen das sie einen einfach ansprechen, ganz frei, egal ob an der Uni, beim Essen, beim Feiern, im Shopping Center, auf der Strasse. Einfach überall. Ich schätze diese Offenheit sehr, die Menschen interessieren sich für einen, denn man ist anders….man ist Deutscher. Doch oft lernt man auch Menschen über andere Menschen kennen, sodass eine regelrechte Freundschaftskette entsteht. So was war es auch im Falle der Personen die ich euch nun beschreibe.

David
Es war an einem Samstag, spät in der Nacht. Ich war in einer Diskothek hier in der Stadt. Ich saß draußen um etwas „frische Luft“ zu schnappen (in Brasilien herrscht in allen Diskotheken Rauchverbot). Leider hatte ich kein Feuerzeug an mir, so ging ich an einen Tisch und fragte auf Portugiesisch nach einem Feuerzeug. Natürlich hört man an meiner Aussprache dass ich kein Einheimischer bin und so fragten sie mich, woher ich denn komme. Als ich ihnen sagte, dass ich Deutscher bin, sagte der Junge plötzlich zu mir „Ach, dann können wir auch Deutsch miteinander reden.“
Dieser Satz haute mich um, war er doch der erste Deutsche den ich hier in Maringá traf. Sofort fragte ich ihn woher er komme und was er so macht. Sein Name ist David, er ist 26 Jahre und kommt aus Hamburg, studiert Stadtplanung und hat momentan irgendein Projekt in Brasilien am laufen. Leider war er schon am Aufbrechen, doch er gab mir seine Karte, leider mit dem Beisatz, dass er nur noch 2 Tage in der Stadt sei und danach weiterreise. So war ein Treffen leider nicht möglich.

ca. 2 Wochen später. Es war wahrend meiner Mittagspause. Mein Handy klingelte. Am Apparat ist eine Frau, die gebrochen (aber gut) Deutsch spricht. Sie sagte dass David von mir erzählte. Ihr Name ist Marina und sie ist mit einem deutschen Namens Calle verheiratet. Die beiden wollen mich einladen zu einem Shurasko. Sie sagt es beginne um 10 Uhr, Samstags morgen. Sie gab mir die Adresse.
Danach beendeten wir das Gespräch.

Nach dem Gespräch stellte ich mir das Ganze so vor:
Ich fahre am Samstag um 10 Uhr in ein Restaurant in der Stadt. Dort erwarten mich Calle und Marina, ein Paar, schon lange verheiratet und vielleicht noch ein oder zwei andere Personen. Dort essen wir gemütlich Churasko und danach fahre ich zum Hospital zurück.
FALSCH !

Der folgende Samstag
Ich erwachte um 10 Uhr (die Nacht vorher war lang) und dachte zuerst: Mist, jetzt hast du das Essen mit den beiden verpasst. Jetzt warten sie auf mich….doch dann erinnerte ich mich: Halt, du bist in Brasilien. Es ist dir keiner wirklich böse wenn du eine Stunde später dorthin kommst, denn sie freuen sich einfach darüber, DASS du kommst…(Brasilien ist mein Land). Dann begann ich zu erfragen, wo denn dieses „Restaurante“ sei, deren Adresse mir Marina am Telefon gab. Doch leider kannte es im Hospital keiner. André, ein anderer guter Freund von mir, rief dann bei dem Motorradtaxiunternehmen an und diese wussten dann schließlich, wie man zu diesem „Estancia zauna“ kommt. Sie sagte es läge nicht direkt in der Stadt und man fahre ungefähr 10 Minuten mit dem Motortaxi dorthin. „Ungefähr“ ist gut….
Das Motorradtaxi kam. Eine gut beleibte, dunkelhäutige Frau war meine Fahrerin. Mit Sicherheit überlasteten wir zusammen das zulässige Gesamtgewicht des Motorrads, doch was soll’s, wir fuhren los. Nach 15 Minuten verließen wir die Stadt und somit auch die Teerstrassen. Weiter ging es über Buckelpisten. Kamen an eine kleine Häusersiedlung. Dort mussten wir nachfragen, wie es weiter geht. Nach ca. 20 Minuten (gefühlten 50) erlangten wir eine Pflasterstrasse. Nein, keine Pflasterstrasse wie man sie in unserer schönen Trierer Innenstadt findet, sondern die guten Stellen waren so uneben wie die schlimmsten Stellen in der Luxemburger Strasse. Ich hatte Angst, wirklich Angst…Die Frau fuhr sehr rasant und oft hatte ich Probleme mich festzuhalten. Die Erlösung kam nach 40 Minuten. Wir erreichten ein großes verschlossenes Tor. Davor standen zwei Pförtner, die nun wissen wollten wohin ich wolle, doch ich konnte es ihnen nicht sagen. Nach 2-3 Telefonaten öffneten sie das Tor und die Frau brachte mich zu einer großen Chakara (Wochenendhaus, mit großem Grundstück). Schon vor der Tür erkannte ich, anhand der Autos, dass ich nun die reichere Gesellschaftsschicht Brasiliens kennen lernen würde. An der Tür empfing mich David, von dem ich glaubte, dass er auf Rundreise sei.
Dies war mit Abstand die größte und luxuriöseste Chakara die ich je gesehen hatte. Ein Haus inmitten von einem Fussballplatz-grossen Grundstück, ein riesiger Swimmingpool und einem tollen Garten.

Also doch kein kleines Restaurant…
Ja und da stand ich nun…Bermuda Shorts, schwarzes T-Shirt, Turnschuhe. Die Männer trugen Anzüge (ohne Jackett) die Frauen luftige Kleider. Bedienungen liefen mit Erfrischungsgetränken durch die Gegend. Ich kam mir vor wie in der Ferrero Werbung. Darauf hatte mich niemand vorbereitet. Aber ich glaube es hat niemanden gestört, dass ich „luftige Kleidung“ trug, hatte ich doch damals noch sehr mit dem Klima zu kämpfen. Später kamen dann auch mehr Leute in meinem Alter, mit „normaler“ Kleidung. Wir feierten die Hochzeit von Calle und Marina nach, die letztes Jahr in Deutschland geheiratet haben.
Calle ist 26, wie ich schon geschrieben habe, Stadtplaner, wohnhaft in Hamburg. Seine Frau Marina, 23, Brasilianerin, hat er auf Rundreise kennen gelernt. Es hat wohl ziemlich schnell und heftig gefunkt. Jetzt studiert Marina auch in Hamburg. Die Beiden sind sehr freundlich und scheinen eine glückliche Ehe zu führen.
Sie sind jetzt wieder in Deutschland, kommen jedoch über Weihnachten zurück.
Außerdem habe ich bei diesem Churasko noch Cris kennen gelernt. Sie ist eine ehemalige Schulfreundin von Marina, wohnt also auch hier in Maringá. Sie ist 21 Jahre alt, studiert Architektur an der staatlichen Universität. Mit ihr habe ich in letzter Zeit sehr viel unternommen. Da sie ein Jahr als Austauschschülerin in Australien war spricht sie fließend Englisch, sodass es mit unserer Kommunikation sehr gut klappt.

Begriffserklärung: CHURRASKO
Kann sehr viel hier bedeuten. Wenn man Churrasko in einer CHURRASKARIA isst, dann ist das quasi „Riesen-Buffet, und vielen Kellnern die dir mehr Fleisch bringen als du essen kannst“(Nein, die Karte funktioniert nicht!!)
Wenn du mit Freunden ein Churrasko machst, heißt das soviel wie „lass uns Grillen und Bier dabei trinken“. Aber es kann auch sein, dass der Begriff nur dazu verwendet wird, eine Party zu bezeichnen, also ohne Grill.

CHAKARA
Kann auch vieles bedeuten.
Ursprünglich bezeichnet es einen Bauernhof, mit Tieren.
Die moderne Chakara ist so was wie ein Wochenenddomizil in einer abgelegenen Gegend, alles ruhig.
Die Chakaras können kleine Grundstücke, mit kleinem Pool und Holzhütte sein. Jedoch geht das Ganze bis Grundstücksflächen von der Größe eines Fußballplatzes, mit Häusern die größer und moderner sind als die in unserem Lande!
von- bis, hier ist alles möglich!

Ich wollte doch nur eine Aspirin!
Hier im Krankenhaus sind die Leute sehr fürsorglich. Manchmal etwas zu fürsorglich. Es war an einem Mittwochmorgen. Ich stand auf und verspürte starke Kopfschmerzen. Dies kommt durchaus öfter vor, seitdem ich hier bin. Ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass hier die Tage nach wie vor anstrengend sind
für mich (den ganzen Tag verstehen und versuchen verstanden zu werden), dazu kommt mein schlechter Schlaf den ich hier habe(siehe „mein Zimmer“). Nichts desto Trotz nahm ich eine Dusche und machte mich zum Arbeiten bereit. Ich ging zu Josyara um nach einer Aspirin zu fragen. Sie erklärte mir, dass Aspirin nicht gut sei und fragte mich ob ich einen Arzt brauche. Ich lehnte ab, doch sie bestand darauf mich untersuchen zu lassen. Ok, dachte ich mir, der Arzt wird schon nichts Schlimmes finden, warum also nicht. Wir gingen zur Intensivstation (warum zur Intensivstation, weiß ich bis heute noch nicht) dort war Karrlos, ein Krankenpfleger. Er untersuchte mich von Kopf bis Fuß, stellte mir viele Fragen zu meinem Wohlbefinden. Dann sollte ich mich hinlegen.
Da lag ich nun, neben mir ein Mann der vor Schmerz unaufhörlich jammerte und irgendwo im Raum war auch ein Mann der ziemlich laut schnarchte. Ich bekam, statt meiner geliebten Aspirin, eine INFUSION! Diese dauerte 45 Minuten, in denen ich dort liegen bleiben musste. Da ich „der Deutsche“ bin, der auch noch IM Krankenhaus wohnt, bin ich hier unter den 600 Mitarbeitern bekannt wie „ein bunter Vogel“, sodass alle, die an mir vorbei kamen, sofort erschraken und mich fragten ob alles in Ordnung sei.
Klar, ich hab halt ein bisschen Kopfweh und wollte doch nur eine Aspirin.
In der nächsten Woche fragten mich nur alle Arbeiter, die ich im Krankenhaus traf „melhor?“ (Besser?)….jetzt frage ich nicht mehr nach Aspirin, sondern habe mir selbst welche (für den Notfall) in der Apotheke besorgt.

Meine Wohnsituation…
Ja, ich lebe IM Krankenhaus. Ich habe ein Zimmer im 4. Stock. Dort gibt es keine Patienten, es ist ein verlassener Trakt in dem auch andere Zimmer für Seminar-teilnehmer oder Ärzte sind, die sich ausruhen möchten. Ich bin der einzige der hier „wohnt“. Das ist oft ganz schön einsam, doch ist es auch eine gute Motivation, so oft wie möglich aus dem Krankenhaus zu „flüchten“. Mein Zimmer selbst ist ziemlich leer. Es ist schön groß, doch befindet sich in ihm nur ein Bett, ein Sofa, ein Kleiderschrank, ein alter, dementsprechend lauter Kühlschrank und halt das kleine Badezimmer. Die Wände sind noch kahl. Irgendwann werde ich anfangen, es ein bisschen gemütlicher für mich zu gestalten. Stark belastet mich allerdings der Lärm in der Nacht. Alle 15 Minuten beginnt eine Lüftung zu laufen. Ich erschrecke mich, wenn sie beginnt. Der Kühlschrank ist zwar alt. Aber er kühlt – und das ist das Wichtigste. Anfangs hatte ich sehr mit der nächtlichen Hitze zu kämpfen (meist über 30 Grad um 00.00 Uhr) doch Josyara hat mir eine Klimaanlage einbauen lassen.
Die Situation, in einem Krankenhaus zu leben, ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. In einem Krankenhaus sieht man sehr viel Leid. Weinende Menschen, Menschen mit Schmerzen, Blut und auch Tote. Klar gehört das zu meinem Arbeitsalltag und ich habe auch mittlerweile wirklichen Respekt vor den Menschen die in einem Krankenhaus arbeiten. Doch in meiner arbeitsfreien Zeit werde ich leider auch ständig damit konfrontiert. Ab 22 Uhr ist der Haupteingang geschlossen. Dann muss ich durch die Intensivstation das Krankenhaus betreten. Gerade am Wochenende ist es manchmal sehr unschön. Man kommt vom Feiern, hat gute Laune, ist glücklich. Doch dann kommt man vor das Krankenhaus. Dort stehen Angehörige, sind am Weinen, sind verzweifelt. Man betritt den Flur der Notaufnahme und sieht Blut- viel Blut auf dem Boden. Eine Putzfrau ist es gerade am Wegwischen. Dann wird man rausgerissen aus seiner fröhlichen Feierlaune, wird ernst und nachdenklich.
Aber natürlich bin ich froh darüber, ein eigenes Zimmer mit Bad zu haben, trotz der kleinen Widrigkeiten.

Eine lustige Geschichte zwischendurch:
Es geschah abends um halb zehn, ich kam nach Hause und hatte eine Stunde Zeit um mich fertig zu machen, denn ich wollte mit Freunden ins Nachtleben.
Ich betrachtete mich im Spiegel und es war wieder mal der Zeitpunkt gekommen, eine Frisur-Veränderung vorzunehmen. Ich bin ziemlich radikal mit meinen Haaren, weiß ich doch, dass ich sie nicht mehr lange für mich behalten werde.
Also zog ich den Rasierer und fing an zu schneiden. Ohne Aufsatz.
Endlich in einem Land in dem eine Glatze keine politische Aussage hat. Endlich!!! Ich fing an zu schneiden, von vorn nach hinten. Nachdem ich die vordere Kopfhälfte rasiert hatte, passierte es! Mein Rasierer streikte. Stand ich nun da, vorne nix mehr, hinten gut 4 cm…das sah wirklich sch….. aus!!! Was nun? Ich rief Joao, einen Bruder an, der konnte mir nicht helfen, er war unterwegs. was nun?
Nach langem Kampf mit meiner (nur manchmal) vorhandenen Eitelkeit überwand ich mich, mit einem um den Kopf gebundenen Handtuch auf einer Station nachzufragen. Es war schon spät. So traf ich nur eine, zu meiner Peinlichkeit auch noch sehr schöne Krankenschwester an. Als ich dann vor ihr stand merkte ich, dass ich gar nicht wusste, was ich auf Porto sagen sollte. So fing ich an wild zu gestikulieren, Summgeräusche eines Rasierers zu machen, und „defecto“ zu sagen. Nach 3 min vergeblichen gestikulieren war es mir dann genug. Ich zog das Handtuch vom Kopf. Sie erschrak, fing an zu lachen und gab mir einen Rasierer!……peinlich, peinlich…..

Mein Sprachkurs
Ich wurde fündig!! Nach einem Monat und durch Unterstützung mehrerer Freunde gelang es mir, einen Sprachkurs an der staatlichen Universität zu finden. Der Kurs wird von Studenten geleitet, die „Fremdsprachen“ studieren. Ich lerne Portugiesisch über Englisch. Generell ist es kein Problem für mich Englisch zu sprechen. Ohne mich groß selbst loben zu wollen, wage ich zu behaupten sogar ein gutes Englisch zu sprechen und ich behaupte weiter, das meine schulische Englischnote(4-)nie gerechtfertigt war;)…..Nagut vielleicht hapert es ein wenig an den nicht vorhandenen Grammatik-kenntnissen, doch mit „simple past“ und „will future“ weiß mein Gesprächspartner doch immer in welcher Zeit ich gerade spreche!
Zurück zum Sprachkurs. Zweimal wöchentlich, 2 Stunden lerne ich nun also an der Universität Portugiesisch. Es macht sehr viel Spaß, trifft man im dem Sprachkurs doch wirklich Leute aus der ganzen Welt (Holland, Dänemark, Finnland, Spanien, Australien, USA, Japan, Russland, Peru, Kolumbien, Chile…..) Die Kurse sind sehr gut und besonders genieße ich es anschließend an einem „multikulturellen und internationalen Tisch“ zu sitzen und bei einem Bierchen über „Gott und die Welt“ zu sprechen.
Auch habe ich durch diesen Kurs einen anderen Deutschen kennen gelernt.
Basti ist 26 Jahre und Maschinenbauer aus Stuttgart der hier an der Universität drei Monate praktiziert.

Meine Sprachkenntnisse werden von Tag zu Tag besser. Von Vorteil ist es, dass niemand in meinem direkten Arbeitsumfeld Englisch oder Deutsch spricht, sodass ich täglich auf mein Portugiesisch angewiesen bin und es fleißig ausbauen kann. Auch mit den meisten mit denen ich zu Beginn nur Englisch gesprochen habe, bevorzuge ich es nun Portugiesisch zu reden.

Der Deutschkurs im Krankenhaus
Hier im Krankenhaus wird für die Funktionäre seit ca. 5 Monaten ein Deutschkurs angeboten. Gerne besuche ich diesen um gerade bei der schweren deutschen Aussprache zu helfen. Der Kurs besteht aus 6 Leuten und der Lehrerin, Anni, sie ist Agrarwissenschaftlerin und ist in einer deutschen Kommune in Brasilien aufgewachsen. In Deutschland war sie noch nie. Wir haben sehr viel Spaß in den gemeinsamen Stunden und es findet auch hier gleichzeitig ein kultureller Austausch statt. „Thomas, warum hat jeder Haushalt in Deutschland einen Staubsauger?“ „….mhm, wir haben viele Teppiche?!“ Manchmal ist es echt lustig.

Die Geschichte der Zebrastreifen in Maringá ist eine sehr lustige! Es gibt sie an jeder Kreuzung, doch sie sind nur als „Schmuck“ zu betrachten. Weiße Linien auf der Strasse, ohne Bedeutung. Warum die Fahrer nicht anhalten, fragte ich Anni. „Sie haben Angst“ entgegnete sie. Zunächst dachte ich an Überfälle, Leute die so tun als ob sie die Strasse überqueren wollten, um dann das anhaltende Auto zu berauben. Doch die Angst ist eine andere. Es kommt daher, dass hier in Maringá mal der Versuch gestartet wurde, Autofahrer am Zebrastreifen zum Anhalten zu bringen. Es wurden extra Leute von der Stadt angestellt, die an den Zebrastreifen saßen, um die nicht anhaltenden Fahrzeuge mit einer Geldbuße zu bestrafen. Doch dieses Vorgehen hatte unangenehme Nebenwirkungen. Der erste hielt, der zweite nicht. So kam es zu unzähligen Auffahrunfällen. So vielen, das die Stadt nach nur einem Monat beschloss, die Aktion abzubrechen. Seitdem dienen die Zebrastreifen hier nur noch zum Schmuck. Doch gibt es nun Aufkleber, die am Heck des Autos befestigt sind, auf denen steht: „Achtung, ich bremse am Zebrastreifen“, doch muss ich oft schmunzeln, wenn mal wieder ein Auto, das genau diesen Aufkleber trägt an mir vorbei rauscht, während ich vor dem Zebrastreifen stehe und warte.

Der Kurzurlaub: Endlich raus! Es war Mitte November. Ich war freitags abends mit Cris unterwegs. Ich war ziemlich fertig von der Arbeitswoche, klagte ihr mein Leid, daraufhin meinte sie nur: „Thomas, du brauchst Urlaub!“
Recht hatte sie, und so kam es, das ich eine halbe Stunde später am Busbahnhof stand, um mir ein Ticket nach „Foz do Iguaçu“ zu kaufen. Zwei Stunden später saß ich dann auch schon in dem Bus in diese Stadt. Ich nahm mir bis Mittwoch Urlaub, um mir die riesigen Wasserfälle (die größten der Welt) und den zweitgrößten Staudamm der Welt anzusehen. Die Wasserfälle von Iguazú gehören zu den absoluten Highlights Südamerikas. Das Gebiet der „Cataratas del Iguazú“ besteht aus 275 verschiedenen Wasserfällen. Die Wasserfälle liegen an der Grenze zu Brasilien und sind Teil des Flusses Iguazú. Foz ist nicht weit entfernt von Maringá, man fährt ca. neun Stunden dorthin, was für Brasilien nur eine sehr geringe Entfernung ist. Ich fuhr über Nacht. Die Reisebusse sind sehr komfortabel und man genießt einen guten Schlaf. Pünktlich zum Sonnenaufgang war ich dann in der schönen Stadt. Ich wollte mit einem Linienbus weiter in die Stadt fahren um mir ein Hostel zu suchen. Ich stieg in einen Linienbus auf dem „Cidade del este“ stand, da es frei übersetzt „Weststadt“ heißt und ich dachte, dass ich mich von da aus auf die Suche nach einem Hostel machen kann. FALSCH! Cidade del este heißt nicht Oststadt, sondern es ist eine eigene Stadt, in Paraguay!
So fuhr ich mit all meinem Gepäck geradewegs über die Grenze nach Paraguay, wo mich das pure Chaos erwartete. Schon vor der Grenze wurde mir bewusst, dass ich jetzt in ein anderes Land reisen werde und war gespannt, was mich dort erwarten würde. Tausende Brasilianer waren auf dem Weg nach Paraguay, mit riesigen leeren Taschen. In Paraguay kann man elektronische Geräte wesentlich günstiger als in Brasilien kaufen. Dazu gibt es noch einen riesigen Markt an gefälschter Markenware. Es war ein einziges Chaos. Tausende Menschen, Autos und Motorräder wollten nach Paraguay, auf der Gegenseite waren lediglich um diese Zeit nur Lastwagen, die vor der Einfuhr nach Brasilien strengstens geprüft werden, auf Medikamente und Drogen. Als ich in der Stadt ankam, war dort ein riesiger Lärm, Leute versuchten ihre Waren durch Schreien zu verkaufen. Es war wieder mal ein Bild, das man in einfachen Worten gar nicht beschreiben kann, da es einfach zu viele Eindrücke auf einmal waren. Von allen Seiten rufen die Menschen einem zu „Amerikaner, komm hierher, kauf meine Sache“ „Amerikaner, hier gibt’s die besten Sachen für dich!!!“ Ich fühlte mich jedoch unwohl, hatte ich doch meinen schweren Reiserucksack auf dem Rücken, viele Wertsachen an mir. So beschloss ich, erstmal zurück über die Grenze zu gehen, um in der brasilianischen Stadt Foz do Iguaçu ein Hostel zu suchen. Auf dem Rückweg, vorbei an den ganzen Lastwagen, fragte ich noch einen Lastwagenfahrer, der gerade seinen Mate Tee am schlürfen war, wie lange er benötige um die Grenze zu passieren! „Das ist ganz unterschiedlich mein Freund, mal schaffe ich es in 12 Stunden, mal benötige ich mehr als einen Tag“ für einen Weg von 2 km!

Das Hostel:
Als ich im Hostel ankam, traute ich meinen Augen nicht! Der Standart in diesem Hostel war TOP! Swimmingpool, wunderschöne Bar, Internetzugang, Super Badezimmer und Dusche, bequemes Bett! und alles für 8 Euro die Nacht (5 Euro mit DJH Ausweis) mit Frühstück!
Ich genoss die Zeit in Foz sehr! Die Wasserfälle sind ein gigantisches Naturerlebnis, wunderschön! Der Staudamm einfach nur riesig! (2 1/2-mal so groß wie der Bodensee!) Ein Vogelpark mit vielen exotischen Arten, denen man sehr nahe kommt (Ich liebe Kolibris!) Ich traf dort in meinen 5 Tagen Kurzurlaub Menschen aus 16 Nationen (Frankreich, Holland, England, Italien, Schweiz, Israel, Kolumbien, Ägypten, Schottland, Kanada, Ungarn, Slowenien, Argentinien, Peru, Brasilien und natürlich auch Deutsche!)ALLE super nett! Wir redeten, feierten und genossen zusammen! Ein tolles Erlebnis!! Dementsprechend schwer viel mir der Abschied, doch freute ich mich auch ein bisschen meine Freunde hier wieder zu treffen!
Einzige Kritik: Man bezahlt als Tourist(nicht Südamerikaner) überall den doppelten Eintritt! In Deutschland würde man das Diskriminierung nennen!
Aber trotzdem: Ein unvergessliches Erlebnis, welches mir neue Motivation und Kraft gegeben hat meine Arbeit hier fortzusetzen.

Als ich zurück kam, war zunächst alles beim Alten, außer das mein „Oberbruder“ den Leuten im Krankenhaus nicht Bescheid gesagt hatte, das ich auf Reise bin und diese mich Montag und Dienstag gesucht haben…aber gut, typisch Bruder und nicht meine Schuld, mir war auch keiner böse.
Als ich dann am nächsten Tag in die Stadt ging, traf ich Elton, einen guten Freund, der mir erzählte, dass Tali, eine andere gute Freundin, die ich im ersten Rundbrief beschrieben hatte im Krankenhaus läge. Sie lag dort schon fast eine Woche und die Ärzte beschrieben ihren Zustand als kritisch. Tali hatte als Kind Darmkrebs, hatte immer wieder Probleme mit ihrer Gesundheit, doch schien sie mir als sehr starke Frau. Ich beschloss sie am nächsten Tag in meiner Mittagspause zu besuchen. Doch leider kam es anders. Als ich am nächsten Morgen meinen Dienst in der Kindertagesstätte antrat, klingelte das Telefon. Dran war eine für mich unbekannte Stimme, die nur auf Portugiesisch sagte: Komm schnell, es ist ernst! Sofort rannte ich los, in die UTI, doch es war zu spät…
Ihre Eltern saßen im Buero der Sozialarbeiterin, zusammen mit Ana-Paula, der Psychologin. Es war eine sehr schwere Situation, wollte ich doch was sagen, konnte es auf Grund meiner Sprachkenntnisse aber nicht. Die Eltern nahmen mich in ihre Arme und dankten mir. Sie dankten mir dafür, dass ich ihr Freund war. In dieser Situation war ich noch recht gefasst, jedoch musste ich mich später ein paar Stunden auf mein Zimmer zurückziehen, da ich Zeit für mich brauchte. Zeit zum Nachdenken. Ich hatte eine Beziehung zu Tali, die ich hier nicht weiter beschreiben möchte. Sie war es, die mir in den ersten Wochen geholfen hat hier anzukommen. Sie war es, die mir half, als ich von der Erkrankung eines meiner Familienmitglieder erfuhr. Mit ihrer Erfahrung, mit ihrer Ruhe hat sie mir sehr viel geholfen. Sie war eine sehr starke Frau! Sie hatte keine Angst vor dem Tod, sie bezeichnete ihn nicht als Gegenteil vom Leben, sondern als den letzten Akt von diesem. Sie hat viele Jahre gegen ihre Krankheit gekämpft, nun ist der Kampf vorbei. Ich wünsche ihr, dass sie in Frieden ruht!

Später ging ich zu einem speziellen Haus. Ihr Körper war dort im verschlossenen Sarg aufgebart. Viele Freunde und Verwandte, die ich über sie kennen gelernt hatte waren dort. Am Anfang scheute ich mich davor an diesen Ort zu gehen, doch im Nachhinein bereue ich es nicht. Ich finde, das ist eine bessere Art und Weise sich von einem Menschen zu verabschieden, da es nicht die zwanghafte Atmosphäre einer Beerdigung hat.

Natürlich beschäftige ich mich in den letzten Tagen sehr mit diesem Verlust, doch jetzt wird mir auch wieder einmal deutlich, dass ich in solchen Situationen zum einen schon wirklich tolle Freunde hier gefunden habe(ganz speziell eine Freundin), die für einen da sind und zum anderen aber auch, dass meine Freunde und meine Familie zu Hause, trotz der Entfernung, trotz der Kommunikationsschwierigkeiten in solchen Situationen unheimlich toll hinter mir stehen, um mich aufzubauen! DANKE!!!!

Ich muss betonen, dass ich mit diesem Verlust zu Recht kommen werde, ich brauche meine Zeit, doch werde ich es schaffen!!! Also macht euch bitte um mich keine Sorgen! Sie wären unberechtigt!

Es ist schade, dass ich solch einen langen und doch recht positiven Solidaritätsbrief mit solch einem unschönen Thema beenden muss. Doch es gehört nun mal dazu. Lange habe ich überlegt ob ich über dieses, für mich sehr emotionale Thema schreiben soll. Doch bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es in diesen Solibrief gehört. Ich will euch von meinem Leben, von meinen Eindrücken, Erlebnissen und Gefühlen hier erzählen.
Und ich möchte nichts verschleiern, nichts weglassen weil es negativ ist, nur damit es sich nach einem rein positiven Erfahrungsbericht anhört.

Ich hoffe ich konnte euch mit diesem, mal wieder viel zu lang geratenen Solidaritätsbrief einen kleinen Einblick in mein derzeitiges Leben vermitteln. Zwischen Beginn und Beendigung dieses Briefes lagen mehr als eineinhalb Monate, doch stimmen die ersten Zeilen auch heute noch!

Noch einmal möchte ich mich bei allen bedanken, bei Freunden und Verwandten, ihr, die mich finanziell unterstützen, um mir diesen Dienst zu ermöglichen und noch viel mehr bei euch Freunden, die den Kontakt zu mir suchen, die sich nach meinem Wohlbefinden erkundigen, die mir erzählen wie es ihnen geht(was mir sehr wichtig ist!!!), die mich auf dem Laufenden halten was bei uns passiert, einfach die, die für mich da sind wenn ich sie brauche!!! DANKE, IHR SEID WIRKLICH TOLL!!!!!!!!!!!

Euer Thomas

Advertisements

Eine Antwort to “2. Rundbrief”

  1. thomasbrasil Says:

    DA OBEN AUF „zweiter Rundbrief“ klicken!!! dann muesste sich ein neues fenster in wordform oeffnen wo ihr dann lesen koennt!!! wer probleme hat bitte sofort melden, der brief kommt so bald wie moeglich direkt auf diese seite!!! gruss thomas

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: