3. Rundbrief

März 2008

Hallo liebe Freunde, Verwandten und Bekannten!!!

Nach drei Monaten ist es endlich wieder soweit. Ort, Zeit und Motivation stimmen, um meinen nächsten Rundbrief zu beginnen.

Ich hoffe ihr hattet alle ein gesegnetes Weihnachtsfest und seid erfolgreich ins neue Jahr gerutscht. Lang ist es her, dass ich meinen letzten Rundbrief verfasst habe, knappe 3 Monate in denen ich viel erlebt und erfahren habe.

Ich berichte euch aus Brasilien, dem Land der Gegensätze!Wohl nirgendwo auf der Welt ist es so Gegensätzlich wie hier!Armut- Reichtum, schönes Land- dreckiges Land, Bildung- Analphabetismus,schöne Menschen- Missbildungen, freies Land- gefährliches Land, Wirtschaftswachstum- Wachstum von Kriminalität und Gewalt…..um ein paar Beispiele zu nennen.

Kommt mit auf eine kleine Zeitreise ins letzte Jahr. Ende November habe ich meinen letzten Rundbrief versandt und genau einen Tag später war auch schon wieder was los, in meinem “Leben auf Zeit” in Brasilien. Meine Brüder wurden in ihrem Kloster ausgeraubt. Genauer gesagt drangen nachts um halb elf, mit dem letzten Bruder, welcher auf dem Nachhauseweg war, 2 bewaffnete Banditen ins Kloster ein, um dort Bargeld zu rauben. Da die Brüder keins im Kloster hatten, fuhr ein Bandit mit dem Oberbruder zum Krankenhaus um sich dort welches zu beschaffen. Das Personal alarmierte die Polizei, welche bald eintraf. Der Bandit floh.

Der andere Bandit (im Kloster) hielt die Polizei mit seinen Geiseln noch 3 Stunden in Schacht, bevor diese das Kloster stürmten. Es wurde niemand ernsthaft verletzt, die Banditen gingen leer aus. (Ich verließ eine halbe Stunde bevor die Banditen eindrangen das Kloster.)Die Presse schrieb einen völlig überzogenen Bericht, die Sicherheitsmassnahmen am Kloster wurden verschärft (neue Alarmanlage, Kameras, Sicherheitsmänner) Ich selbst kam erst gegen Mitternacht zum Krankenhaus zurück, wo ich mein Zimmer aufsuchen wollte. Das war leider nicht möglich, da die Polizei das Krankenhaus nach den Banditen absuchte. Apropos Polizei, kommen wir zu einem meiner Lieblingsthemen:

Polizei und Sicherheit in Brasilien: Der aktuelle Anlass leitet mich dazu, erst einmal auf einen brasilianischen Film einzugehen, welcher im vergangenen Jahr produziert wurde und dieses Jahr die goldene Kamera (als bester Film des Jahres) erhalten hat. “Tropa de Elite” heißt er. Ein Film über die Spezialeinheit der brasilianischen Polizei, welche in Favellas eindringt um dort den kriminellen Machenschaften ein Ende zu setzen. Favellas sind die aermsten Wohngegenden in Städten, welche meist von kriminellen Organen (meist Mafia) beherrscht wird.Bevor der Film diesen Preis erhielt, herrschte in Deutschland eine rege Diskussion, da der Film sehr viel Härte in Form von Waffengewalt und Folterszenen beinhaltet. Eine Diskussion, welche hier in Brasilien nicht zustande kommt, da der Film die unzensierte Wahrheit dessen, was sich dort abspielt widerspiegelt. Es ist wieder einmal eine “Wahrheit”, die wehtut.

Die brasilianische Polizei ist mit der deutschen nicht zu vergleichen. Der Satz: “Die Polizei, dein Freund und Helfer” existiert hier nicht. Jeder hat Angst vor der Polizei, wirklich jeder. Wenn sie mit den Autos an dir vorbei fahren, schaust du sie besser nicht an. Sie sitzen in ihren Wagen, schwer bewaffnet und immer grimmig blickend. Sie verdienen sehr wenig, deshalb ist Korruption weit verbreitet. Als Polizist hast du keine Freunde, außer deine Kollegen.Meine persönliche Erfahrung mit der Polizei bestätigt dieses Bild leider.

Es war während des Vestibular (Prüfungen zur Aufnahme in die staatliche Uni). 20.000 Studienanwärter kommen in die Stadt, um eine Prüfung abzulegen. Die Prüfungen finden an 4 Tagen statt. An diesen vier Tagen (Abenden) ist im Studentenviertel die Hölle los. Party, laute Musik, junge Menschen, soweit das Auge reicht. Eine ausgelassene Stimmung, die Verkehrpolizei riegelte die Strassen für den Verkehr ab. Es konnte ausgelassen gefeiert werden, bis auf den letzten Tag. Dienstags abends um 22 Uhr (auch hier gibt es eine Ruhezeit) rückte die Polizei mit einem Bus und vielen Streifenwagen an. In 10er Gruppen zogen sie durch die Strassen, bewaffnet mit Pistolen, abgesägten Schrotflinten und Tränengas um das Fest “aufzulösen“. Mit anvisierten Waffen “trieben” sie die jungen Menschen vor sich her. Wer stehen blieb, wurde mit Gewalt zum weitergehen gezwungen, oder sofort (unter schmerzhaften Bedingungen) in Gewahrsam genommen. Ohne zu zögern, machte die Polizei auch von Ihren Gummigeschossen gebrauch.

Panik brach aus, überall nur noch laufende und schreiende Menschen. Ich verkroch mich in einen Hauseingang, zusammengequetscht mit vielen anderen. Ich beobachtete wie ein Junge eine leere Plastikflasche nach einem der Polizisten warf. Er verfehlte, doch das war egal, zusammen mit 3 Kollegen stürzten sie sich auf ihn, er musste leiden……Nachdem die Truppen vorüber waren, gingen wir in ein nahe gelegenes Haus eines Freundes. Die Strassen waren Menschenleer und still. Die Art und Weise, wie die Polizei dort durch die Strassen gezogen ist löste viel in mir aus. Gefühle von Angst, Hass und Mitleid, alles war vertreten. Diese Männer haben wohl einen der schlimmsten Berufe in diesem Land und leben selbst unter einer ständigen Angst. Dies war meine “gefährlichste” Situation die ich bisher in Brasilien hatte. Ausgelöst durch die Polizei! Ironie…? Nein,….es ist “Wahrheit”!

Wahrheiten können wehtun. Ein Bild welches ich wohl nie vergessen werde. Es hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Ich habe mich selbst ertappt.Ich war auf dem Weg zum Einkaufszentrum, schönes großes Gebäude, gehalten im amerikanische Stil, sehr modern, viel zu klimatisiert.Als ich die Strasse entlang ging, sah ich “ihn” plötzlich. Im funkelndem rot, riesengroße schöne Felgen. Ein Ferrari, den ersten, den ich hier in Brasilien sah. Seine Eleganz, seine Sportlichkeit. Sofort schossen mir altbekannte Gedanken durch den Kopf: HABEN, dieses Auto, ich “brauche” solch ein Auto um glücklich zu sein.Doch dann bekam dieses Bild einen “Fleck”, hinter dem Ferrari tauchte ein Müllsammler auf. Ein kleiner Karren, von einem mageren Mann in alter zerfetzter Kleidung von Hand gezogen. Es blitze in meinem Kopf, meine Augen fingen an zu brennen. Da hatte ich es nun, ein Bild, welches die Gegensätze des “Lebens” zeigt.

Das Bild, welches zeigt, dass es nicht “das Leben” gibt. Der eine, der einfach nicht mehr weiß, wohin mit seinem Geld und der andere, der nicht weiß, wovon er als nächstes satt werden soll. Ich habe mich geschämt, denn ich habe mich selbst dabei erwischt, scheiß EGOISMUS!, HABEN, ich will diesen Ferrari, ich brauche ihn……Ich wollte nicht mehr zum Shopping, dieses Bild, es wollte nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden. Was denkt der eine vom anderen? Hat der Ferrarifahrer ein Schamgefühl? Ist der Müllsammler eifersüchtig? Ich war eifersüchtig auf Menschen die einen Ferrari haben, bis zu diesem Tag.Was denkt der eine vom anderen? In dem Land, in dem arm und reich, direkt nebeneinander Leben.

Oft sage ich, dass diese Situation mir “die Augen geöffnet” hat. Wie einfach es mir doch gefallen ist, als ich noch in Deutschland lebte, die “Scheuklappen anzubehalten”. Bloß nicht über die Grenzen hinausschauen, zu ändern ist an der Armut in den “dritte Welt Ländern” eh nichts…..wir haben genug Probleme in Deutschland, unser Sozialstaat wankt, zu viele Arbeitslose….doch wenn man dann überlegt, dass diese im Monat mehr Geld vom Staat bekommen, als hier der Mindestlohn ist(113 Euro, ohne Krankenversicherung, Sozialversicherung usw.), für welchen man mehr als 40 Std. die Woche “buckeln” muss, werden die Probleme unseres Staates kleiner und kleiner.Was soll mir dieses Bild sagen?Ich habe lange nach einer Antwort gesucht, noch bevor ich überhaupt die Frage gefunden hatte, welches dieses Bild (der Ferrari und der Müllsammler) in mir aufgeworfen hatte.

Die Frage hab ich mittlerweile gefunden: Was brauche ich? Welcher Lebensstil ist für mich moralisch vertretbar.Es gibt keine direkte Antwort, denn es ist eine Frage, die man sich immer wieder im Leben stellen sollte, um sie sich dann in kleinen Stücken zu beantworten.

Einen weiteren Knick erfuhr ich durch einen sehr guten, deutschen Freund per Telefon. Ich berichtete ihm von dieser Situation, welche mich emotional sehr beschäftigte und er gab mir eine Antwort, die in mir neue Fragen aufwarf!! “Tja Thomas, die Welt funktioniert nicht anders, unser Lebensstil ist nur durch Armut anderer möglich.” Umgehauen hatte mich diese Antwort, ich wollte widersprechen, doch ich konnte nicht. Das diese Antwort nicht auf die weltweite Armut zutrifft, dessen bin ich mir mittlerweile bewusst, doch steckt mehr Wahrheit in dieser Antwort, als ich in meinem Kopf zulassen wollte. Es ist unser Konsumverhalten, welches die Armut in der Welt fördert. Wir können unser Geld sparen, kaufen billige Schokolade, billige Bananen, billige Turnschuhe, billige Elektronikware ohne zu hinterfragen, warum diese Dinge überhaupt billig sind. Kaffee und Kakaobohnenernter, Bananenpflücker, Fliessbandarbeiter….all denen sollten wir “danken” das unsere Schokolade und unser Kaffee so “günstig” sind. Sie sind es, die hart arbeiten und dafür unterbezahlt sind. Sie sind diejenigen, die in schlechten Behausungen leben, keine medizinische Grundversorgung haben. Sie werden Pestiziden ausgesetzt, damit die Früchte mehr gedeihen, höhere Erträge bringen, damit sie für den Endkonsumenten billiger sind. DANKE DAFÜR!!!! Danke dass ihr soein unhumanes Leben fuehrt, damit wir noch mehr Geld für unseren Luxus haben. “Fair gehandelte Schokolade, 2.49euro für 100 Gramm, dass kann ich mir nicht leisten, sonst kann ich meinen Ferrari ja nicht mehr voll tanken….“ Liebe Freunde, ihr merkt, die Ironie hält Einzug. Ich hoffe es fühlt sich nun keiner von euch persönlich angegriffen, schließlich beziehe ich mich in diese Konsumwelt mit ein. Und es ist nicht nur Deutschland, nicht nur “reiche Länder“, sondern auch hier werden die Augen, was den Konsum betrifft weiter verschlossen gehalten.

NESTLE, mein bester Freund, ist hier in Brasilien die am stärksten vertretene Firmengruppe. Sie produziert nahezu alles im Ernährungsbereich und die Brasilianer stehen drauf! Nicht nur, dass diese Firma überhaupt erst durch den “Muttermilchskandal”, diese Dimension erreichen konnte (http://de.wikipedia.org/wiki/Nestl%C3%A9) sondern ist im allgemeinen auch bekannt, dass heute immer noch die Arbeiter unter unwürdigen Bedingungen arbeiten und leben, nur um diese tollen Produkte so preiswert anzubieten, Gewinn einzufahren um die nächste Firma einzukaufen.Die Krönung des Ganzen setzt Konzernchef Peter Brabecht, welcher sich in der Dokumentation “we feed the world” “wundert”, warum Wasser keinen Marktwert hätte, es sei schließlich ein Lebensmittel, wie alle anderen auch…..Ausserdem verwendet der Konzern genmanipulierte Waren zum Herrstellen ihrer Produkte. Ich muss diesen Themenkomplex jetzt beenden, obwohl es noch viel mehr zu kritisieren gäbe, wer sich noch mehr darüber wissen möchte, sollte sich mit mir in Kontakt setzen, oder im Internet recherchieren. Schule und Bildung “Haste Geld, haste Bildung- haste keins, haste keine”

Ein neuer Komplex, welcher mich immer wieder in Rage bringt. Dieser Staat erfährt in den letzten Jahren einen enormen Wirtschaftswachstum, doch die Politik ist nicht bereit, mehr in die Bildung zu investieren. Speziell trifft das auf die Schulbildung zu.Das Schulsystem:Hier gibt es keine Schulstufen, sondern nur eine “Gesamtschule“, welche alle Kinder bis zum 16. bzw. 17. Lebensjahr besuchen.Soweit die Theorie, doch:Die staatlichen Schulen Brasiliens sind in einem sehr schlechten Zustand. Die Bildungschancen für ein Kind aus einer “sozial schwächeren” Familie sind sehr gering. Die Chance auf einen Studienplatz, quasi null.Alles Geld, was der Staat in die Bildung investiert, geht an die Universitäten. In meiner Stadt haben wir auch eine staatliche Universität (und 4 private). Die Menschen die dort studieren, kommen alle aus der brasilianischen Mittelschicht, welche vom Lebensstandart durchaus mit der deutschen zu vergleichen ist. All diese jungen Menschen haben vorher eine private Schule besucht, da keiner, der es sich leisten kann, sein Kind auf eine öffentliche Schule schicken würde. In der privaten Schule ist die Bildung wesentlich besser.Zwiespältig zu betrachten gilt es, dass an der staatlichen Uni viele junge Leute studieren, deren Eltern wohl auch den Besuch einer privaten Uni finanzieren könnten, sodass man sagen könnte, sie nehmen den ärmeren, welche sich keine private Uni leisten können, den Studienplatz weg. Doch zum einen haben die staatlichen Universitäten in Brasilien einen besseren Ruf, da sie generell als “schwerer” zu absolvieren gelten und zum anderen ist es auch nachvollziehbar, das nicht jeder eine Privatuni finanzieren möchte, wenn es auch den “günstigeren” Weg gibt. Eine weitere Sache am Bildungssystem stört mich enorm: Um an einer Universität angenommen zu werden, muss man eine Prüfung (Vestibular, siehe oben) ablegen. Auf diese Prüfung bereitet man sich nach der Schule in einem Kurs, im Regelfall ein Jahr, vor(manche brauchen zwei Jahre).Für die Schüler, welche eine ¨öffentliche Schule“ besucht haben, ist dieser Kurs kostenpflichtig, für Schüler einer Privatschule nicht.Ich finde dies eine Unverschämtheit und raubt doch letztendlich jedem Kind aus einer finanzschwachen Familie die Chance auf einen Studienplatz. Der Staat hat dafür eine scheinheilige Begründung, welche ich jetzt hier nicht anbringen möchte, doch diese Ungerechtigkeit zeigt, wie viele Dinge in dieser (Bildungs-) Politik falsch laufen. Meine große Reise

Anfang Dezember hatte ich ein kleines Tief, da mein Freundeskreis zum größten Teil aus Studenten besteht und am 10. Dezember die “Sommerferien” der Universität begannen , waren auf einmal alle weg. In ihre Familien um sich auf Weihnachten und Neujahr vorzubereiten. In diesen Tagen “wartete” ich eigentlich nur auf den 20. Dezember, an dem ich in meinem Urlaub zum ersten Mal brasilianische Küstenlandschaft zu Gesicht bekommen sollte. Des Weiteren freute ich mich, 6 Bolivienfreiwillige zu treffen, welche mit mir Weihnachten und Neujahr am Strand verbringen wollten. So geschah es, dass wir uns am 21. Dezember in Florianopolis, der Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina trafen. Aufgrund von Kommunikationsproblemen fiel unsere Vorplanung eher knapp aus, sodass wir nur einen Treffpunkt in Florípa vereinbarten. Doch Zeit und Glück kamen uns zur Hilfe, sodass wir direkt, mittels eines Touristenguides eine günstige Unterkunft in einem kleinen Fischerdörfchen fanden. Zehn Meter bis zum Obstladen, 15 Meter bis zum Fischladen, 50 Meter bis zum Strand, eine tolle Wohnung und ein paar tolle Tage, die wir dort verbrachten. In dieser Zeit geschah auch Weihnachten, ganz still und heimlich, denn von Gefühlen keine Spur. Dazu fehlte es an Kälte, Familie, Gerüchen und natürlich Tannenbäumen. Wir gingen am Weihnachtsabend gemeinsam essen, wünschten uns ein frohes Fest, riefen bei unseren Familien an…doch für alle Beteiligten war es einfach nicht “real” und wir stimmten überein, dass wir uns schon auf das nächste Weihnachtsfest im Kreise der Familie freuen. Um Sylvester zu feiern, beschlossen wir einen Ortswechsel vorzunehmen, da uns über diese Zeit, die Ferienwohnung das 3fache gekostet hätte.

Wir buchten uns ein Hostel in Paranagua, eine heruntergekommene Küstenstadt im Bundesstaat Parana. Das Hostel lag direkt am Anlegesteg der Fähre zur Ilha do Mel (Honiginsel), die Insel, auf der wir die Neujahrsnacht verbringen wollten. Die Insel besteht zu über 50 Prozent aus Naturschutzgebiet, doch der andere Teil ist von jugendlichen Touristen besiedelt, mit welchen wir ein tolles Neujahrsfest am Strand feierten. Erst kurz vor Silvester erfuhr ich, dass ich an einem Seminar in Salvador teilnehmen sollte, sodass ich meine Reise früher als geplant abbrechen musste, um die Notwendigkeiten im Krankenhaus zu erledigen. Ich buchte den Flug, packte meine Sachen und schon am 10. Januar ging es für mich nach Salvador da Bahia, eine Stadt, welche schlappe 3500 km weiter im Norden liegt.

Das Seminar

Ankunft in Salvador, 38 grad, drückende Hitze. Der Taxifahrer brachte mich vom Flughafen aus direkt zu meinem Tagungsort. Schon dort bemerkte ich, dass ich nun im wirklichen Tropengebiet angelangt sei. Ehrlich gesagt kam ich mit gemischten Gefühlen dort an. Ich war froh darüber, in den Norden Brasiliens vordringen zu können, doch hatte ich a) keine Lust auf so viele Deutsche und b) fühlte ich keinen Bedarf, an diesem Seminar teilzunehmen. Als ich den Tagungsort sah, dachte ich mir dann: OK Thomas, du brauchst kein Seminar, dafür bist du aber direkt am Strand, wirst Sonne und Kokoswasser genießen.

Doch alle meine Zweifel und mein Vorhaben ließ ich schon nach dem ersten Seminartag fallen, denn:

– die Seminarteilnehmer waren alle super drauf, wir waren eine tolle Gruppe, vielleicht auch gerade deswegen, weil wir alle im gleichen Boot sitzen. Ich habe selten solch eine offene und arbeitswillige Gruppe erlebt. Einfach nur zum wohl fühlen. Viele tolle, interessante Menschen mit Erfahrungen und Erlebnissen welche ausgetauscht werden mussten. (Betreuer incl.)

– schon nach der Eigenreflektion der letzten Monate hatte sich so viel in mir aufgetan, was für mich vorher im Verborgenen lag, sodass ich die kompletten 7 Seminartage und noch Zeit danach brauchte, um dieses zu verarbeiten (Ich bin wohl heute noch damit beschäftigt….)

– So schön der Seminarort auch war, er hat wohl sehr viel zu unserer Gruppendynamik beigetragen, doch in diesen 7 Tagen schaffte ich es genau dreimal an den Strand.

Nach dem abgeschlossenen Seminar, zog ich dann mit 4 Freiwilligen los, um 4 Tage lang Salvador zu erkunden. Wir übernachteten im Pelorinhos (der Altstadt von Salvador, wunderschön) Dann machte ich mich alleine auf, um die Familie von Bruder Raphael zu besuchen, welche im nahe gelegenen Feira de Santana wohnt. Dort verbrachte ich ein verlängertes Wochenende, im Stillen, um all das Erlebte zu verarbeiten.Dann war es endlich soweit!

CARNAVAL stand vor der Tür, und ich mitten drin in der HAUPTSTADT des Carnavals (nein, nicht RIO!!!)Der generelle Unterschied zu Rio und Salvador besteht darin, dass in Rio eine Show der besten Sambaschulen, auf prunkvollen Wagen, mit traditionellen Kostümen abgehalten wird. Es sind überall Tribünen aufgestellt, von denen man die Show betrachten kann. In Rio ist man Zuschauer.In Salvador ist man selbst “die Show”. Riesige Lastwagen (doppelt und dreimal so groß wie die vom KVW) mit den berühmtesten Bands, Sängern und Sängerinnen Brasiliens zogen durch die Strassen. 6 Tage lang, von morgens bis morgens Ausnahmezustand. Die wohl größte Party, auf der ich je gewesen bin. Wir verbrachten tolle Tage zusammen. Ich fand Unterschlupf bei zwei sehr netten Freiwilligen, welche in der Nähe von Salvador arbeiten. Ich genoss die Zeit.

Daraufhin ging es weiter nach Belo Horizonte, wo mich eine Bekanntschaft der besonderen Art erwartete. Martin Bauer ist Waldracher, verheiratet nach Brasilien, mit einer 6 jährigen Tochter in Belo Horizonte lebend.

Belo Horizonte hat 2,5 Millionen Einwohner, wobei eine nahe gelegene 1,5 Millionen Einwohnerstadt schon quasi die Stadtgrenze erreicht hat. Einfach nur riesig. Das besondere an Martin ist, dass er aus meiner Nachbargemeinde stammt, in “meinem” Handballverein gespielt hat, und wir sehr viele gemeinsame Freunde in Deutschland haben. Doch wir sind uns noch nie “bewusst” persönlich begegnet. Doch war er mir von Anfang an ein sehr vertrauter Mensch. Er stellte mir sein Gästezimmer zur Verfügung. Wir machten einen Ausflug nach Ouro Preto, um dann die nächsten Tage ins Nachtprogramm überzuschwenken. Wir hatten ein paar “deutsche Tage” (sehr gute Currywurst, sehr gute Spätzle und Gulasch). Wir besichtigten eine riesige Markthalle, in der man ALLES zu kaufen bekommt. Es waren wirklich tolle Tage. Es hat mich sehr gefreut zu hören, dass seine Türen immer für mich geöffnet sein werden, denn ich habe mich in der jungen Familie sehr wohl gefühlt!

Dann ging es (viel zu schnell) aus Belo Horizonte weiter, zurück in meine Heimatstadt Maringà. “Heimat”, das darf ich sagen, denn ich freute mich schon sehr, meine Freunde und Mitarbeiter wieder zu treffen.

Zurueck in Maringa, zurueck im Alltag. Alltag, normalerweise ein negativ behaftetes Wort, doch für mich sehr hilfreich, denn er erlaubt mir, tiefer in diese wunderschoene Kultur einzusteigen, mich zu festigen und nicht mehr „aufzufallen“, doch dazu, sowie meinen neuen Zusatzarbeiten, schreibe ich euch mehr im naechsten Rundbrief, welcher bestimmt nicht so lange auf sich warten laesst, wie dieser hier!

Ich wuensche euch zu Hause alles Gute, ich hoffe das euch mein dritter Erfahrungsbericht gefallen hat. Wenn ihr irgendwelche Fragen, Anregungen oder Kritiken habt, bitte ich euch, sie mir zu schreiben.

Sonnige Grusse nach Deutschland!!!!

Euer Thomas Neumann

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Eine Antwort to “3. Rundbrief”

  1. Christian Says:

    Ich muss ja sagen, fein fein. Deine Stories sind voll cool, wenn du mich fragst – packs in ein Buch ein, such einen Verlag und verkauf‘ es. Es ist jetzt 1:19 Uhr, eigentlich sollte ich schon seit 2 Stunden im Bett sein, weil ich um 5 wieder raus muss, aber deine Rundbriefe sind echt faszinierend. Sie wecken meine Fernsucht!! Vielen Dank dafür!!!

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