4. Rundbrief

Juli/August 2008

Liebe Freunde,

Kaum zu glauben, wenn ich auf das Datum schaue wird mir ganz anders. Nunmehr seit 11 Monaten bin ich in diesem Land und das Ende rast ohne Stillstand auf mich zu. Elf Monate in denen sich sehr viel geaendert hat, aber auch irgendwie alles beim Alten geblieben ist.  Gerade habe ich das Telefonat mit einem sehr guten Freund aus Deutschland beendet. „Alles beim Alten, wie immer“…Während in Deutschland die Zeit oft an einem vorbei zieht ohne dass man ihr grosse Aufmerksamkeit schenkt, ist bei mir das Gegenteil der Fall. Ich versuche etwas Ungreifbares festzuhalten. Die einzige Moeglichkeit die mir bleibt, ist diese Zeit bewusst zu leben.

Die Zeit bringt es mit sich, dass man eine Art Rythmus bekommt. Arbeit, Freunde, Weggehen…. Ab und zu mal reisen…..man koennte fast „Alltag“ dazu sagen. Alltag, nein Danke….. dieser Begriff ist eindeutig negativ besetzt. Langeweile, Einfaeltigkeit und das unbewusste Handeln werden damit verbunden. Doch in meinem Fall ist er garnicht so negativ, wie viele von euch denken.
Dieser Alltag hilft mir sogar sehr. Er ist ein Teil meiner Enkulturation, die Eingliederung in die Gesellschaft. Erst durch diesen Alltag werden meine Einblicke tiefer in den „Kulturpool“ in welchem sich die Gewaesser doch immer mehr vermischen. Es faellt nicht mehr in der ersten Sekunde auf, dass ich ein „Fremder“ bin, doch dass es auffaellt kann ich nach-wie-vor nicht verhindern, alleine aufgrund des wichtigsten „Werkzeug zur Enkulturation“, der Sprache.

Die Sprache:
„Zufriedenheit“ ist etwas anderes. Ich kann sprechen, mit jedem, ueber alles. Auch wenn es manchmal laenger dauert ein Wort zu finden. Ich spreche „dickfluessig“, halt „langsam fliessend“. Meine Aussprache ist noch zu hart, meine Betonung oft falsch. Grammatische Fehler, die ich in der naechsten Sekunde bemerke („Ach, war ja doch maskulin“). Die einen lassen mich sprechen, korrigieren nur das Groebste, die anderen korrigieren jede Kleinigkeit. Die Mischung macht`s. Korrigieren ja, immer nein.
Wie man das Ganze jetzt beurteilt, bleibt dem Betrachter und seiner Sichtweise ueberlassen. Wenn man bedenkt, dass vor zehn Monaten mein Wortschatz 10 Woerter umfasste, koennte man meinen jetzigen Stand als sehr positiv bewerten. Doch im Vergleich zu anderen Freiwilligen schneide ich eher schlecht ab, wobei viele von ihnen zur Schulzeit schon eine andere romanische Sprache erlernt haben. Als Sprachtalent wuerde ich mich also nicht bezeichnen, auch wenn ich nie den Spass daran verloren habe Portugiesisch zu lernen. Ich habe ja auch immerhin noch einen Monat Zeit um weiter am „Feinschliff“ zu arbeiten.

Wenn es dann also dem Brasilianer aufgefallen ist, dass ich aus dem entfernten Deutschland komme, spriessen auch gleich die Fragen aus ihm heraus. Zu meinem Leid sind es eigentlich immer und immer wieder dieselben Fragen, Vorurteile und Missverstaendnisse. Aber auch von der „Gegenseite“, aus Deutschland bekomme ich immer viele und gleiche Fragen gestellt. Ich freue mich darueber, ich beantworte jede Frage gerne und um nun mal einen Gesamtueberblick zu geben kommen hier die FAQ´s (die meisstgestellten Fragen) an Thomas:

Die Brasilianer fragen sehr haeufig:

Gefaellt es dir gut in Brasilien?
Antwort: Ja

Ihr Deutsche moegt warmes Bier, nicht wahr?
Antwort: Nein, wir moegen das Bier gerne kalt, jedoch trinkt ihr Brasilianer noch kaelteres Bier als wir.
(Hintergrund: Hier in Brasilien gibt es kein Reinheitsgebot. Dementsprechend darf hier mit allem gebraut werden, was das Zeug dazu hergibt. Jedoch wirkt sich das natuerlich auch auf den Geschmack des Bieres aus. Das Bier hier ist sehr (zu?!) mild. Darum, und aufgrund der sommerlichen Temperaturen wird das Bier in Kuehlschraenken gelagert, die ein Thermometer besitzen, das immer leichte Minusgrade anzeigen. Wir Deutschen trinken das Bier gewoehnlicherweise nicht „um die 0 Grad“, aber doch auch nicht wam, oder?) An diese Frage werden dann angeknuepft: Warst du schon mal auf dem Oktoberfest? Ihr trinkt Bier mit Cola, Limo und anderen Dingen gemixt? In Deutschland schmeckt das Bier besser?! Das Bier ist staerker? Generell wird der Deutsche hier als Vieltrinker angesehen, was mir oft unangenehm ist.

In Deutschland gibt es keine armen Menschen, nicht wahr?
Diese Antwort faellt mir immer schwer. Aus der Sichtweise der Brasilianer gibt es in Deutschland keine armen Menschen. Alleine der Faktor, wie schon im letzten Rundbrief erwaehnt, dass ein Arbeitsloser in Deutschland mehr Geld zur Verfuegung hat, als ein brasilianischer Arbeiter an Mindestlohn, scheint diese These zu stuetzen. Jedoch, aus unserer deutschen Sichtweise leben die Menschen, welche Harz 4-Geld beziehen „am Rande der Gesellschaft“. Sie haben finanzielle Probleme und gelten deshalb als arm. Ein Vergleich zur „brasilianischen Armut“ laesst sich jedoch nicht ziehen. Meine Antwort ist in diesem Fall stark von meinem Gesprächspartner abhängig.

Vermisst du Deutschland?

Antwort: Jein. Generell bejahe ich die Frage wenn es um Familie und Freunde geht, ohne zu zögern (positive Sehnsucht, also nichts Belastendes). Jedoch auf das Land und die Kultur bezogen, fällt es mir schwer eine treffende Antwort zu geben. Klar, ich mag deutsche Feste, deutsches Essen, ein bisschen deutsche Musik. Jedoch muss ich feststellen, dass mir die brasilianischen Feste besser gefallen und die Musik ist spitze. Das Essen ist nicht so unterschiedlich, bis auf das Grundnahrungsmittel. Was das betrifft, gewinnt die deutsche Kartoffel um Längen vor Reis und Bohnen, was hier als Hauptnahrung gilt. Es ist mehr so, dass ich in bestimmten Situationen Deutschland vermisse. Sei es, wenn darum geht, dass man am Zebrastreifen wieder einmal minutenlang warten muss, weil kein Auto anhält, oder auch an der Supermarktkasse, wenn die Kassiererin mal wieder so gut gelaunt ist, das sie mit jedem Kunden Smalltalk halten muss, zwischendurch Lieder pfeift und einen dann schließlich, nachdem sie gemerkt hat das man Ausländer ist, anfängt über Deutschland auszufragen. Ein Hoch auf die deutschen Discounter-Kassiererinnen 😉

In Deutschland ist es immer kalt! Der Thomas mag die Kaelte! Du frierst? Es ist doch bestimmt wärmer als in Deutschland.“
In den Augen der meisten Brasilianer ist Deutschland = 12 Monate Minusgrade.
Mir wird unterstellt, dass ich die Kaelte mag. Immer und wie selbstverstaendlich.
Der „Winter“ haelt Einzug im Sueden Brasiliens. Das bedeutet, wenn die Sonne scheint, sind es angenehme 25- 28 Grad, wenn es bewoelkt ist, beziehungsweise regnet, koennen die Temperaturen auf unter 15 Grad sinken. Das ist kalt, auch fuer mich. Besonders wenn es keine Heizung gibt und das Wasser nur lauwarm ist. Ich freue mich immer dann, wenn ich sagen kann, dass es gerade in Deutschland viel waermer ist als hier und mich dann alle unglaeubig ansehen.


Gibt es noch Nazis in Deutschland?
Erschreckende Frage. Zu verneinen waere falsch, zu bejahen auch. Was soll man tun?
Auch hier ist die Antwort stark von meinem Gegenüber abhängig, doch meistens frage ich meinen Gegenüber zuerst, was er oder sie über die politische Situation in Deutschland weiß. Die Antworten sind teilweise sehr erschreckend und nur selten entsprechen sie dem aktuellen Stand. Ich erkläre dann, dass das 3. Reich nicht mehr existiert und wir in einem demokratischen Sozialstaat leben. Deutschland hat aus seinen Fehlern gelernt. Zum Schluss muss ich dann leider immer noch anfügen, dass es eine kleine Partei in Deutschland gibt, die aber hoffentlich bald über das Grundgesetz verboten wird….

Und das fragen die Deutschen mich immer wieder:

Was macht das Spanisch? Antwort: IN BRASILIEN SPRICHT MAN PORTUGIESISCH!!!!!

Was macht der Samba?

Antwort: Ich bin Deutscher, ich werde es NIE lernen 😉

Was macht ein Freiwilliger überhaupt?

Dies ist eine grundlegende Frage, die sich nicht nur Kritiker des Dienstes stellen, sondern wohl auch viele Freiwillige in einer bestimmten Phase ihres Dienstes. Irgendwann kommt der Zeitpunkt an dem man sich fragt: Was mache ich hier eigentlich?

Auf dem Zwischenseminar war dies eine grundlegende Frage. Wer sind wir und was machen wir hier?

Der Freiwillige:

Der durchschnittliche Freiwillige ist 20 Jahre, hat gerade die Schule oder die erste Lehre absolviert und hat sich dann entschieden, einen freiwilligen Dienst im Ausland zu absolvieren. Die Motive sind unterschiedlich, Schlagworte sind Worte wie „Herausforderung“, „Welt kennenlernen“, „Horizont erweitern“ und „Grenzen überschreiten“, entgegengesetzt der Vorurteile, der Freiwillige wollte die Welt verbessern, beziehungsweise diese direkt retten. Das wohl wichtigste und häufigste Motiv ist wohl „HELFEN“.

Nun muss man sich fragen, was ist Hilfe?

Zwanzig Jahre, ungelernt, auf dem Weg in eine neue Welt, man lässt alles hinter sich. Zuersteinmal ist nicht viel mit „helfen“, sondern vielmehr ist man stark auf diese angewiesen. Sprache und Kultur sind die Herausforderungen. Der Freiwillige stellt schnell fest, dass er mehr lernt, als dass er „helfen“ kann. Klar, die Unterstuetzung der Betreuung in der Kindertagesstaette oder in anderen Einrichtung kann man schon als Hilfe ansehen. Jedoch fehlt dem Freiwilligen oft das Nachhaltige. Oft fragt er sich: „Was bleibt, wenn ich gehe; Was habe ich bewirkt?“

Oft war der selbsterbaute Spielplatz im Gespraech. Das perfekte Beispiel fuer nachhaltiges Helfen. Man erbaut ihn, man sieht die Kinder taeglich darauf spielen, und man weiss, dass er danach noch die Kinder beglueckt. PERFEKT, solch ein Spielplatz, waeren da nicht die Faktoren wie finanzielle Mittel, Materialbeschaffung, Erfahrung im Spielplatzbau, geeigneter Standort u.v.m.

Nein, meiner Meinung nach ist der Frewillige nicht dazu da um solche Anlagen zu bauen. Viel mehr geht es bei ihm um das Zwischenmenschliche. Ein Mitfreiwilliger hat auf dem Zwischenseminar ein Gedicht geschrieben, was viele von uns berührt hat. Er arbeitete 4 Std taeglich in Rio de Janeiro in einem Projekt mit Strassenkindern. Das Gedicht handelte von der Bedeutung des Aufmerksamkeit und Liebe schenken, 4 Std am Tag die Kinder aus dem Alltag holen, weg von Ihrer Realitaet, weg vom Kleber, spielen, lachen, vielleicht sogar das Gefuehl von ein wenig Geborgenheit vermitteln.

Und was bleibt?“ um den Kreis zu schliessen: Es ist die Erinnerung an diese schoene Zeit, von beiden Seiten. Der Freiwillige, aber auch das Kind wird sich hoffentlich in manchen Momenten an die schoene Zeit erinnern.

Ich als Freiwilliger musste selbst lernen, dass die speziellen Dinge, welche wir in unserer Kindheit bis heute genossen haben nichts Selbstverstaendliches sind. Es sind fuer mich die beiden Schlagworte „Liebe und Aufmerksamkeit“. Wir haben soviel davon in unserer Kindheit genießen dürfen, dass wir nun bereit sind, diese an Menschen weiterzugeben, denen es in ihrem Alltag an dieser Zuneigung mangelt.

HELFEN (laut WIKIPEDIA): Sie (die Hilfe) dient dazu, einen erkannten Mangel oder eine änderungswürdige Situation zu verbessern.

Am 22. Juni war es dann soweit. Ich erwartete hohen Besch. In Sao Paulo empfing ich meine Eltern. Meine Mutter kuendigte schon an, bevor ich meinen Freiwilligendienst begann, dass sie mich in den deutschen Sommerferien besuchen wollten. Zuhause noch widerstrebte mir das Ganze, aus mir jetzt nicht mehr nachvollziehbaren Gruenden, denn umso naeher der Termin rueckte, desto mehr wuchs die Vorfreude. Lange zog ich mich mit der Planung der Reise, da ich Ihnen mehr von Brasilien zeigen wollte als den Sueden in dem ich mein Jahr verbrachte. Brasilien hat so viele unterschiedliche Gesichter, zumindest ein paar von Ihnen wollte ich meinen Eltern zeigen. Bis zur letzten Minute haben wir dann geplant und noch eine gute Mischung aus Bus und Flugstrecken gefunden, sodass wir ein grosse Rundreise angehen konnten.

Nachdem wir dann am Flughafen in Sao Paulo 2 Stunden an unterschiedlichen Internationalen Ankunftstoren (ohne Hinweis auf das jeweils andere) warteten, konnten wir, nach einer intensiven Begruessungm die Reise mit dem Bus nach Rio de Janeiro antreten. Nach 8 Stunden (Renn)Fahrt erreichten wir auch schon die Cidade Maravilhosa (wundervolle Stadt) die uns leider mit eher unschoenem Wetter empfing. Wir checkten im Hostel ein, und nach dem Essen fielen wir erschoepft in unsere Betten. Am naechsten Morgen hatte sich das Wetter leider nicht gebessert, sodass wir die Copacabana eher im regnerischen Zustand vorfanden und wir das bekannte Flair vermissten. Nachdem meiner Mutter beinahe die Kamera aus der Hand gestohlen wurde (sie hat sehr gut reagiert!), war auch mir bewusst, dass ich nun mit meinen Eltern unterwegs bin und sich das als ein anderer Urlaub raustellen wuerde, als ein Freiwilliger allein auf Reisen. Nichts desto trotz, wir machten am naechsten Tag „Sightseeing“. Vom Cristo aus sahen wir leider nichts, doch dafuer wurden wir mit dem Nachtblick vom Zuckerhut aus belohnt, welcher mir unvergesslich in Erinnerung bleiben wird.

Von Rio aus ging es dann weiter nach Salvador, wo wir uns in der historischen Altstadt „Pelourinhos“ einquartierten. Das Viertel ist sehr touristisch, dementsprechend hoch ist auch die Zahl der Bettler. Staendig wird man bedraengt. Ich, als Portugiesischsprechender kann mich in solchen Situationen gut verteidigen. Man muss ganz bestimmend sagen, dass man nichts gibt. Fuer meine Eltern stellte sich dies natuerlcih als schwerere Herausforderung dar. Zum Glueck hatten wir eine Situation, welche wir wohl nicht so schnell vergessen werden. Sie war selbst fuer mich noch lehrreich, obwohl ich vorher schon 1 Woche in diesem Viertel mit Freiwilligen gelebt habe.

Wir machten halt bei einem Kuenstler. Er malte Bilder mit seinem Finger,..wirkliche Kunst, wir waren begeistert. Neben dem Kuenstler stand, wohl aufgrund des Zuschauerauflaufs, ein Haendler mit Bauchladen. Ein kleiner „Strassenjunge“ (ich glaube er hat ein Zuhause), welcher uns vorher des oefteren mit den Worten „fome, fome“(Hunger, Hunger) angebettelt hat, kommt zu dem Stand, greift in seine Tasche und nimmt etwas Kleingeld hinaus. Er zaehlt das Geld, schaut auf den Haendler, zaehlt das Geld noch mal und……kauft sich 2 Boeller! Soviel Hunger hatte der Junge also, dass er sich 2 Boeller kaufen konnte. Noch einmal wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, Menschen auf der Strasse kein Geld zu geben, sondern dieses sinnvoll in andere Dinge zu investieren, um zu helfen.

Die zweite Situation war, als ein kleiner Junge in die Bar des Hostel kam, wieder mit den Worte „fome, fome“ und wollte ein suesses Toertchen haben. Er war sehr penetrant, bis mein Vater sagte, ich solle ihm einen Apfel geben. Den Apfel wollte er nicht, er wollte das Toertchen, beschimpfte uns sehr stark und zog davon.

Nach diesen Situationen wollte ich meinen Eltern zeigen, dass das nicht typisch brasilianisch ist, und ich wollte ihnen mit Hilfe einer Freundin, Wiebke, zeigen wie die Brasilianer leben. Wir fuhren in die Vorstadt um einen Freund zu besuchen. Einen sehr guten Freund, Tiago, 20 Jahre, dunkelhaeutig, und brasilianisches Blut, d.h. lebensfroh, immer am Singen und Tanzen, sehr freundlich und hilfsbereit, eine herzliche Seele. Er lud uns ein, um das EM Finale zu schauen. Tiago lebt in einem Hochhaus mit ca. 30 anderen Familien. Ich schaetze die Wohnung auf 50 qm. Er lebt dort mit seinen 2 Geschwistern und seiner Mutter. Es ist ein Hochhaus von vielen, die sich aneinanderreihen. Wir (Wiebke und ich) wollten meinen Eltern zeigen, dass hier die Menschen leben, die nicht viel Materielles haben, jedoch sehr freundlich und hilfsbereit sind.

Nach Rio und Salvador ging es dann in die Chapadas, ein riesiges Gebirge welches mit Ökotourismus wirbt. Nach den drei grossen Staedten hatten wir uns eines verdient: Ruhe! Die bekamen wir, wenn nicht gerade der uebergespraechige Argentinier seine Geschichten erzählte. Auf der Holzveranda, zwischen Kolibris und Pflanzen, mit einem Glas Rotwein, fand mein Vater SEINEN PLATZ in Brasilien. Wir erkundeten mit einem Fahrer das Gebirge. Grotten, Aussichtspunkte und Wasserfaelle, wir trieben eine Kuhherde vor uns her….wir waren in der Natur Brasiliens.

Nach den Chapadas sollte es dann Richtung Sueden gehen. Schlappe 3500 km lagen vor uns. Noch mal 8 Stunden Bus, dann mit dem Flieger nach Rio – um dort eine Nacht wegen Schlechtwetter am Zielflughafen in Curitiba festzuhaengen. Die Abwicklung der Fluggaeste war recht brasilianisch. So brauchten wir über 4 Stunden bis wir endlich in unserem Hotel waren, das uns von der Fluggesellschaft gestellt wurde. Viele Nerven hat es gekostet, doch das Hotel konnte sich sehen lassen. Am naechsten Morgen konnten wir dann die Weiterreise bis in meine Heimatstadt Maringà bestreiten, wo meine Eltern dann von den Bruedern empfangen und untergebracht wurden. In den naechsten Tagen sollten sie mein Stadt, aber vor allem meine Freunde aus Krankenhaus und Privatleben kennen lernen. Alles ist super verlaufen, meine Freunde verstanden sich sehr gut mit meinen Eltern, auch ohne gemeinsame Sprachkomponenten. Auch hier noch mal ein grosses Dankeschoen an die Brueder, besonders an Tiago, fuer die Unterbringung und die Gastfreundschaft, die ihr meinen Eltern entgegengebracht habt.

Nach der viel zu kurzen Zeit in Maringá traten wir gemeinsam mit meiner Freundin und einem sehr guten Freund die Reise zum letzten Aufenthalt in Foz do Iguaçu an. Dort besichtigten wir die groessten Wasserfaelle der Welt, einfach beeindruckend, und das zweitgroesste Wasserkraftwerk der Welt, den Itaipu Staudamm.

Nach viel zu kurzen 22 Tagen trennten sich von dort aus unsere Wege. Ich fuhr mit dem Bus wieder nach Maringà und meine Eltern flogen nach Sao Paulo um von dort wieder nach Deutschland zu reisen.

Ich denke es war fuer meine Eltern eine Reise mit vielen Erfahrungen, es war die laengste und gleichzeitig auch weiteste Reise ihres Lebens. Schoen war fuer mich auch zu sehen, wie sehr ich mich an die Gegebenheiten gewoehnt habe, was fuer meine Eltern dann noch mal neu war.

Anfangs war ich etwas skeptisch, wie meine Eltern mit den vielen Erfahrungen und neuen Erlebnissen umgehen wuerden, doch ich muss sagen, sie haben mir das gezeigt, was sie auch ihren drei Kindern mit auf den Weg gegeben haben. Weltoffenheit.

Kommen wir mal zurück zum Wesentlichen, zu meiner Arbeit. Als ich im Februar von meinem Zwischenseminar zurückkam hatte sich viel in der Kindertagesstätte geändert. Giselle, die Pädagogin war gegangen. Sie hat eine bessere Stelle in einem anderen Krankenhaus der Stadt bekommen. Mit ihr ging auch die Struktur und Ordnung, wie schon damals als sie Urlaub hatte (erster Rundbrief). In dieser Situation, gepaart mit meinem Wunsch nach Veränderung, den ich aus dem Zwischenseminar mitbrachte, wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich handeln musste. Schon im Zwischenseminar wurde mir bewusst, dass ich nach „mehr“ strebte. Nach mehr, als „nur“ in einer Kindertagesstätte Kinder zu betreuen. Diese Arbeit bot mir im ersten halben Jahr aufgrund der fehlenden Sprache, aufgrund der neuen Lebenssituation in einer neuen Kultur, genügend Herausforderung. Doch mit den stetig wachsenden Sprachkenntnissen und dem Einleben und Zurechtfinden in der Kultur wurde die Herausforderung dort immer geringer. Desweiteren wurde der Wunsch in mir stärker, nun wirklich andere Realitäten kennenzulernen. Ich wollte mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen arbeiten, wollte ihr Weltbild und ihre Zukunftsvisionen kennenlernen und diesen Kindern und Jugendlichen das geben, was in ihrem Leben oft zu kurz kommt.

Ich wandte mich mit meinem Anliegen an meine „Verantwortlichen“. Schritt für Schritt. Zuerst an meine gute Freundin und „Mutter“ im Krankenhaus, dann SoFiA, dann die „Barmherzigen Brueder“ in Deutschland und in Maringá. Nach und nach bekam ich gruenes Licht, wofuer ich heute noch sehr dankbar bin. Einige zeigten sich sogar erfreut darueber, dass ich nach Veränderung strebte. Nach einiger Zeit besichtigte ich dann auch mit einem Bruder 2 Projekte. Eine soziale Einrichtung in der Stadt (Beschreibung siehe unten) und eine Rehabilitations- Bauernhof fuer ehemalige drogensuechtige Jugendliche. Beide Projekte fand ich sehr interessant, jedoch aus zeitlichem Mangel beschloss ich, fuer einen Monat in die soziale Einrichtung fuer Jugendliche zu gehen. Nach langem Hin und Her, einigem Warten auf das letzte gruene Licht konnte ich dann gegen Ende meiner Dienszeit vier Wochen lang in dem Projekt arbeiten. Vier Wochen – nicht viel Zeit, jedoch Zeit genug um auch dort wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

Das Projekt:

Maringá ist stolzer Besitzer des zweithoechsten Monument Suedamerikas. Die Kathedrale wurde vor gut 20 Jahren neu erbaut. Vorher gab es eine schoene Holzkathredrale, welche dem neuen Betonkegel zum Opfer gefallen ist. Das Holz, aus der alten Kathedrale, das wieder verwendet werden konnte, wurde von den „Marister Bruedern“ gekauft, um Haueser fuer obdachlose Familien bauen zu lassen. Diese Familien konnten dann fuer eine obligatorische, sehr geringe Miete dort wohnen, jedoch sind sie dadurch an sinnvolle Bedingungen gebunden. Die Familien muessen ihr Kinder impfen lassen, die Kinder muessen in die Schule gehen und danach das soziale Zentrum (meine Arbeitstelle) besuchen, die Eltern duerfen nicht kriminell werden und sie muessen „arbeitswillig“ sein. D.h. wenn es Arbeit gibt, sollte diese auch angenommen werden. Die ersten Familienvaeter beispielsweise haben weitere Haeuser aus Beton erbaut. Mittlerweile leben 45 Familien in solchen Haeusern. Ein soziales Projekt, welches mich begeistert, auch wenn Konflikte und Kriminalitaet aufgrund der Herkunft der Familien nicht ausbleiben.

Das soz. Zentrum:

Morgens gehen die Jugendlichen in die nahe gelegene Schule, mittags die Kinder. Die jeweils andere Haelfte des Tages verbringen sie im soz Zentrum. Dort gibt es viele verschieden Gruppenraeume. Die Aktivitaeten sind Sport, Tanzen, Informatik, Musik, Gestaltung, gruppendynamische Spiele, Theater u.v.m. Die Paedagogen und Erzieher teilen sich ihre Arbeit auf. Viele sind halbtags Lehrer und arbeiten die andere Haelfte des Tages in der Einrichtung. Den Umgang miteinander habe ich als sehr positiv erlebt. Es sind auch drei geistigbehinderte Jugendliche integriert und weitestgehend akzeptiert.

Nach einer Eingewoehungswoche versuchte ich mich gleich auch an 3 Projekten, die ich jeweils mit einer Nachmittagsgruppe (Jugendliche) durchfuehrte. Ich bereitete ein Bildermemory und ein Kreuzwortraetsel ueber Deutschland und Brasilien vor. Gemeinsamkeiten – Unterschiede. Die Jugendlichen haben sehr gut mitgearbeitet und zeitweise sogar Youtube und GTA (ihre sonstigen Beschaeftigungen im Computerraum) vergessen. Es kamen viele Fragen ueber Deutschland, auch die oben genannten. Teilweise erschreckend war, dass ein paar Jugendlcihe Probleme damit hatten, die Hauptstadt Brasiliens zu benennen oder den Kontinent auf dem Brasilien liegt. (Bildung in Brasilien- siehe 3. Rundbrief)

Als letztes Projekt stellte ich das australische Instrument „Didgeredoo“ vor. Durch verschiedene unguenstige Umstaende war jedoch die Aufmerksamkeit sehr gering und viele Jugendliche waren sehr schuechtern. Etwas geknickt von dem nicht so toll gelaufenen Projekt zog mich dann der Kokainfund in einer Hosentaschen eines 15 jaehrigen Jungen komplett runter.

Mit 15 Jahren habe ich wohl meine ersten Erfahrungen mit Alkohol gemacht…doch mit 15 Jahren Kokain in der Tasche zu haben, das bedrueckt mich sehr. Wiedereinmal eine Wahrheit, ein Realitaet die wehtut, jedoch bin ich auch froh, sie erfahren zu haben.

An diesem Abend ist mir wieder einmal bewusst geworden, wie wichtig meine Freunde sind, welche ich hier gewonnen habe und wie sehr ich auf sie zaehlen kann, wenn man sie braucht. Schade, dass ich sie verlassen musste.

Liebe Freunde, liebe Unterstuezter, liebe Familie und Verwandte. Ich habe noch nie ueber einen so langen Zeitraum einen Rundbrief geschrieben. Heute ist der 1. September. In genau einer Woche betrete ich deutschen Boden. Ueber zwei Monate habe ich mich hingezogen diesen Brief zu schreiben. Nein, ich hatte nicht solche Probleme ihn zu schreiben, sondern ich habe mich eher davor gedrueckt. Nicht aus Faulheit, nein, eher daraus, dass ich keine Zeit in Brasilien verlieren wollte. Die letzte Zeit mit meinen Freunden, welche ich sehr intensiv nutzte. Ich war in dem letzten Monat nicht bereit zu reflektieren, sondern ich wollte noch erleben, mit meinen Freunden zusammen leben, mich ordentlich verabschieden. Ich glaube das ist mir gelungen, doch natuerlich vermisse ich sie sehr.

Zur Zeit sitze ich in Bolivien, genauer gesagt in Potosi. Ich bin auf den Spuren meiner Mitfreiwilligen und auf den Spuren meiner Schwester, welche hier im Jahr 04/05 ein Freiwilliges Soziale Jahr verbracht hat. Eine Landesgrenze- eine andere Welt. Ich werde euch darueber berichten, genauso wie ueber die „Heimkehr“, viel gefuerchtet von Frewilligen, die Rueckkehr in die eigene Realitaet, das gute Deutschland mit seinen Vor- und Nachteilen, doch eines ist Gewiss: ICH FREUE MICH AUF EUCH!!!!!

euer Thomas

 

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