Reisebericht Thomas

September  2008

Ein Reisebericht

Liebe Freunde,

Ich sitze in Buenos Aires, im Herzen der Metropole, Hauptstadt von Argentinien. Es ist der letzte Stopp meiner Reise, bevor es am Sonntagabend von hier aus, mit einem 12 stündigen Lufthansaflug, nach Hause geht.

Am 15. August habe ich „meine“ Stadt verlassen. Meine Stadt in der ich ein Jahr leben und arbeiten durfte. Meine brasilianische Heimat. Der Abschied fiel mir schwerer als damals aus Deutschland. Weiß ich doch nicht, wann ich meine brasilianischen Freunde wiedersehen werde.

Doch die Vorfreude auf meine bevorstehende Reise und auf Deutschland spendete mir Trost. Somit brach ich an einem Samstagabend gegen 20.30 auf, Richtung Campo Grande, um von dort aus weiter nach Corumbá zu fahren. Eine Grenzstadt mitten im Pantanal, dem größten zusammenhängenden Sumpfgebiet der Erde mit einer wunderschönen Natur und einzigartigen Tieren.

Eigentlich hatte ich vor, nach 17 stündiger Fahrt direkt die Grenze zu Bolivien zu passieren, um von dort aus mit dem „Todeszug“ nach Santa Cruz zu pendeln. Soweit sollte es leider nicht kommen. Als ich in Corumba ankam, wurde mir gesagt, dass die Grenze geschlossen sei und ich eine Nacht dort bleiben müsse. Zuerst schenkte ich dem Touristikmensch nicht viel glauben, doch auch andere Leute bestätigten mir die Aussagen. Hinzu kam, dass der Reiseverkehr in Bolivien aufgrund irgendwelcher Wahlen (siehe bolivianische Rundbriefe http://www.sofia-trier.de) stillstand.

Zwei Tage, hieß es zunächst. Der Flugverkehr lief am nächsten Tag noch. Da ich aber immer an meinen Grenzen lebe -speziell finanziell-,  konnte ich mir den Flug nicht leisten und musste auf finanzielle Unterstützung aus Deutschland warten. Als die Finanzen dann verfügbar waren, streikte auch der Flugverkehr – bis Freitag-. Mittlerweile war ich drei Tage gefangen in dieser Grenzstadt namens Corumba.

Eine brasilianische Stadt, die auf mich sehr unbrasilianisch wirkte. Es war ruhig auf den Strassen, die Menschen schauten grimmig, es gab keine Restaurants, keine Bars, nichts. Wo trifft man sich abends, wenn man in Corumba lebt? Ich fand es in den 4 Tage nicht raus. Meine Ausgehlaune war eh nach dem ersten Abend etwas getrübt, gab es doch um 21 Uhr Abends eine Schiesserei, direkt vor meinem Hotel. Mein Zimmer war voller Mosquitos. Trotz Temperaturen um die 30 Grad nachts, schlief ich mit einer Decke, um überhaupt schlafen zu können, ohne die ganze Zeit neue Stiche zu spüren.

Ich fühlte mich einsam, schließlich habe ich meine Freunde in Brasilien zurückgelassen um meine deutschen Mitfreiwilligen in Bolivien zu besuchen. Ich hing irgendwo dazwischen, körperlich, aber auch geistig, wartend, in der Hitze dieser Stadt, so unbrasilianisch, so fremd für mich- obwohl ich dachte, das Land zu kennen.

Ich lernte Jimmy kennen. Jimmy ist Engländer, doch er wuchs in Deutschland beim britischen Militär auf. Außerdem lebte er auch schon ein Jahr in Brasilien. Doch was viel wichtiger war- Jimmy steckte in der gleichen Situation wie ich- nämlich fest. Eigentlich wollte er eine (Un)Bekannte in Santa Cruz treffen. Sie haben sich über das Internet kennen gelernt und wollen schauen, ob sie sich zusammen selbstständig machen. Ob sie es schaffen ist noch ungewiss, Jimmy hat einen offenen Rückflug welcher bis Oktober gültig ist. Ich habe Jimmy als tollen Kerl kennen gelernt und ich hoffe, dass er seinen Wunsch nach Selbstständigkeit in Santa Cruz verwirklichen kann.

Als wir dann nach 4 Tagen endlich die Zugtickets in der Hand hielten, konnte es auch schon losgehen.

Der Streik hatte ein Ende, die Reise konnte voran gehen. Wir passierten die Grenze, um zum bolivianischen Bahnhof zu gelangen. Dort lernten wir Dominique kennen.

Dominique ist Franzose, Mitte 50, Familienvater, jedoch gern-allein-Reisender. „Meine Familie liegt am Strand, dort gefällt es Ihnen besser“ sagte er mir auf Deutsch „dass ist nichts für mich, ich will Reisen, mit Zügen.“ Dominique liebt Züge. Deshalb wartete er, mit seiner Spiegelreflexkamera unterm Arm, auf die Ankunft unseres Zuges. So unterschiedlich wir drei „Alleinreisenden“ auch waren, wir begannen die Fahrt mit dem Zug gemeinsam.

Der Todeszug

Eigentlich sollte ich jetzt keine Erklärung des Namens liefern, dann würde es viel aufregender klingen, doch der Name hat nichts mehr mit seiner Ursprünglichkeit zu tun. Zu früherer Zeit wurde der Zug zum Krankentransport von den vielen indigenen Völkern, die auf dem Weg nach Santa Cruz lebten, genutzt. Durch die damals noch längere Dauer der Fahrt und den widrigeren Umständen kam es nicht selten zu Todesfällen an Bord.

Wir jedoch reisten „erste Klasse“. Diesen Luxus gönnten wir uns für 3,50 Euro, im Gegensatz zum „normalen“ Sitzplatz für 1,50 Euro. Weit zurückverstellbare Sitze, Klimaanlage (viel zu kalt) und einen Fernseher. Der Waggon erinnerte an die der DB vor 30 Jahren. Ging man von einem Waggon zum anderen, führte der Weg über die „freie Luft“. Zuerst sahen wir einen Film (James Mond, ein Affe als James Bond. Das Witzige war nicht der Film, sondern die mitreisenden Bolivianer, die sich vor Lachen krümmten). Es war laut im Inneren. Doch nachdem wir im Speisewagen das Abendessen zu uns nahmen und der Zug ein letztes Mal hielt, wurde das Licht gelöscht. Wir fanden alle für ein paar Stunden unseren Schlaf, bevor wieder der neue Tag anbrach. Die 18 Stunden Fahrt vergingen recht schnell und problemlos. Gegen Mittag liefen wir in Santa Cruz ein. Es war die erste bolivianische Stadt, die ich zu Gesicht bekam. Was ich zunächst wahrnahm: Hupen und Hupen und  Taxis. Überall war es laut.  Genau so wie in ganz Südamerika stürzen sich die Verkäufer auf dich, um dem Gringo was zu verkaufen. Wir fuhren an die Placa, den Mittelplatz der Stadt. Nach einem guten Kaffee und Croissant gingen wir ins Internet um E-Mails zu checken. Ich wollte die Freiwilligen in La Paz kontaktieren – jedoch vergeblich. Dominique und Jimmy checkten mittlerweile im Hotel Dallas ( 😉 Gruß an Jimmy) ein. Ich ging zum wiederholten Mal ins Internetcafe, um einen weiteren Versuch zu starten, nach La Paz zu mailen.

Dann passierte es.

Ich saß am Computer. Neben dem Monitor war ein Stuhl. Meinen großen Rucksack lehnte ich an mein Bein, den kleinen stellte ich auf den Stuhl, sodass ich ihn immer im Augenwinkel hatte, wenn ich am PC arbeitete. Immer? Na gut, fast immer. Denn wenn man der Person auf der anderen Seite kurz hilft, sein Geld aufzuheben, welches ihm „aus Versehen“ auf den Boden gefallen ist, dann hat man den Rucksack nicht im Auge. Innerhalb von 5 Sekunden war alles weg. Der kleine Rucksack. Ich rannte raus, direkt vor mir die Placa- tausende Menschen- 180 Grad voller Möglichkeiten wegzurennen- Ich war chancenlos. Mein Rucksack war weg….der Kleine, der Wichtige…..den,  den ich immer bei mir hatte, immer, ich schlief mit ihm im Zug, ich nehme ihn mit in den Bus. Alles weg- Camera (die Bilder!) DVDs mit anderen Bildern, Reisepass, Impfpass, 30 Euro, Bücher und -mein Schreibblock- !!

Materiell war der Schaden nicht gering (80 Euro Camera+ 70 Euro für neuen Pass+ 30 Euro Bargeld) doch der wirkliche Schaden für mich war wesentlich größer. Im Block hatte ich Briefe von meinen Freuden, von meiner Freundin und- von mir- selbst geschrieben, über 30 Seiten Gedanken und Reiseberichte. Die Briefe meiner Freunde und auch meine….sie sind aus reiner Laune entstanden, man kann sie nicht „wieder schreiben“, sie sind weg……und das traurigste ist: sie sind im Müll, wertlos für den Dieb.

Ich blieb erstaunlich ruhig. Ein Polizist sah mich umherblicken. Er fragte ob er helfen könne. Wenn die beiden Pässe (incl. Kopien) nicht im Rucksack gewesen wären, hätte ich wohl keine Anzeige gemacht. Was soll es auch bringen…in Bolivien…

Doch so verbrachte ich den Mittag auf der Polizeiwache. Wartend mit einer anderen Deutschen, welche mir schon im Internetcafe mit übersetzen half und sich sofort bereit erklärte, mir auch bei der Polizei behilflich zu sein. Schön zu wissen, dass es solch tolle, hilfsbereite Menschen gibt.

Es ist noch nicht mal die Tatsache, dass der Rucksack geklaut wurde. Wir auffälligen Touristen sind ja eh die besten Opfer. Aber die Art und Weise wie der Rucksack geklaut wurde, ärgert mich immer und immer wieder. Meine Hilfsbereitschaft wurde ausgenutzt.

Freunde von mir sagten „Hilf keinem Bolivianer mehr…“  oder „Dieses Land……“ doch solche Sätze lies ich erst gar nicht an mich ran. Ich wollte dieses Land nicht nach einer Stunde Aufenthalt in Santa Cruz wegen eines Taschendiebes verurteilen. Im Gegenteil. Dieses Ereignis brachte mich dazu, mit meinem ersten Teil der Reise abzuschließen, welcher leider als negativ zu bewerten ist. Bis auf die Zugreise- Dominique und Jimmy, die ich dort kennen gelernt habe und natürlich die Erfahrung, die man aus solchen, eher schwereren Tagen sammelt. Ich drückte den „imaginären Resetbutton“. Es sollte nun anders werden. Meine letzten 2 Wochen in Südamerika waren angebrochen. Ich wollte sie in vollen Zügen genießen. Ich ließ das Alte hinter mir, und blickte in die Zukunft.

Schon nach 3 Stunden konnten wir die Polizeiwache verlassen. In der Hand hielt ich eine Verlustanzeige. Die brauchte ich, um einen neuen Pass bei der Botschaft zu beantragen. Die Botschaften haben für Kunden Werktags von 08.00 Uhr bis Mittag geöffnet. Es war Freitag, 16 Uhr. So entschloss ich mich, nach einer Nacht Aufenthalt in Santa Cruz am nächsten Abend mit dem Nachtbus weiter nach La Paz zu fahren um mich dort mit einem Freund und Mitfreiwilligen, Jakob zu treffen.

Ich checkte also im Hostel ein, traf mich am Abend noch einmal mit Dominique und Jimmy. Außerdem lernte ich eine Japanerin, einen Belgier, einen Luxemburger, einen Schweizer, eine Russin und zwei Letten kennen, sodass wir am internationalen Tisch (10 Personen aus neun Nationen) globalisiertes Essen (Pizza) zu uns nahmen. Solche Abende geben einem unheimlich viel Kraft. Gerade dann, wenn man solch einen Tag hinter sich hat.

In der Nacht träumte ich noch einmal von meinem Rucksack. Die Polizei klopfte an meiner Zimmertür, sie übergaben mir den Rucksack. Nur noch Block und Reisepass waren drinnen. Alles was ich wollte…..zu schön um wahr zu sein.

Am nächsten Abend trat ich, wie geplant, meine Weiterreise an. In Brasilien muss der Reisende bei Busreisen den Reisepass vorlegen. Er muss alle Daten ausfüllen, wo man herkommt, wohin es geht, wie lange man bleibt. Adresse, Geburts- datum ect. In Bolivien wurde nach meinem Namen gefragt- ich sagte Thomas- er schreibt Tomaz auf eine Liste und sagt, ich solle um halb acht wieder kommen, um das Gepäck zu verladen.

Gesagt- getan. Um halb neun verließ ich die Stadt Richtung La Paz. Von 1500 m sollte es über Nacht auf bis zu 4100 m hoch gehen. Im Bus beschäftigte ich mich noch mal mit wenn-, dann Theorien meines Rucksacks Jedoch beschloss ich, diese nun hinter mir zu lassen. Ich bestaunte noch einmal die schöne tropische Landschaft des Tieflandes in Bolivien, ehe ich einschlief.

Als ich erwachte war diese Landschaft nicht mehr vorhanden. Es war kahl- Steine, Büsche, Felsen- in der Ferne sah ich Bergspitzen mit Schnee- es ist eineinhalb Jahre her, als ich das letzte Mal Schnee sah. Wunderschön diese Landschaft- ganz anders, doch wunderschön. Wir hielten zum Frühstück. Als ich den Bus verließ, war ich dem Kälteschock nahe. Temperaturen, gerade über null, diese hatte ich auch seit einem Jahr nicht mehr. Ich war immer noch fasziniert von der Landschaft. Gestärkt mit einer Suppe traten wir die Weiterfahrt an. Ich sah Lamas umherziehen und Menschen, dick eingepackt in Alpacca- Mäntel.

Als mich ein Schaf -lebend- angebunden auf einem Minibus- auf meiner Höhe überholte und es mir vorkam, als ob es mich ansah, musste ich lachen. Ich konnte nicht mehr aufhören. Eigentlich sollte man ja Mitleid mit dem Tier haben, jedoch setzt man in Bolivien nicht viel auf Tierschutz. Viel zu wichtig ist der Nutzen des Tieres. Das Fleisch.

La Paz

La Paz liegt in einem riesigen Kessel, ein Häusermeer. Mein erster Eindruck über dem Horizont, als wir zum ersten Mal das Stadtbild zu Gesicht bekamen, staunte ich sehr. Häuser über Häuser. Kreuz und quer am Hang entlang gebaut- kein Baum, nichts Grünes dazwischen. Das erste was ich wahrnahm, als wir das Zentrum erreichten war -hupen-, nichts als hupen. In La Paz hupt, wer Vorfahrt haben möchte, wer die Vorfahrt geklaut bekommt, um dem anderen zu signalisieren, dass er Vorfahrt hat, um den Beinahezusammenstoss zu vermeiden, um Leute, speziell schöne Frauen, zu grüssen, um Leute für den Minibus zu werben und ab und zu auch mal, um zu überprüfen ob die Hupe noch funktioniert.

Der Verkehr ist das größte „geregelte“ Chaos was ich je gesehen habe.

Die Stadt ist toll. Alles dreht sich ums Zentrum und die große San Franisco Catedrale. Sehr viel Touristen sind unterwegs. Die Schuhputzer lassen nicht von einem ab.

Jakob, mein Mitfreiwilliger holte mich vom Busbahnhof ab und brachte mich in seine Unterkunft. Er lebt mit dem Padre Jesus und mit Jesudito (dem kleinen Jesus), dem Ziehsohn des Padres in einer Männer WG. Ich wurde dort sehr herzlich empfangen. Man hat mich nicht als Besucher, sonder direkt als Mitbewohner akzeptiert. Der Padre (ein Spanier) ist mit vollem Herzen Bolivianer, sodass er nach 7 Jahren Bürokratie endlich seine doppelte Staatsbürgerschaft anerkannt bekam und ich durfte es miterleben. Wir lebten in einem großen Haus, ziemlich weit oben im Kessel. Als wir nachts auf der Terrasse standen und über das Lichtermeer blickten, erklärte mir Jakob: „Dort wo die schwarzen Flecken (im Lichtermeer) sind, dort sind ganze Häuserblöcke unter dem trockenen Boden abgerutscht“. Die Menschen bauen willkürlich in den Hang. Wie lange der Boden unter ihnen hält, dass kann keiner so genau sagen.

In La Paz verbrachte ich die Vormittage damit, die Botschaft zu besuchen. Der Mann der Botschaft war sehr freundlich und hilfsbereit. Außerdem fühlte man die deutsche Bürokratie in den Wänden der Botschaft. Es tat irgendwie gut, zu wissen, „hier wird mir geholfen“. Die Nachmittage verbrachte ich mit Stadtbesichtigungen oder traf mich mit neuen Freiwilligen. Das Nachtleben kam natürlich auch nicht zu kurz. La Paz ist eine schöne Stadt, jedoch auch durch den starken Tourismus sehr global.

Das sollte bei meinem nächsten Stopp anders werden. Nach 6 Tagen La Paz, einer wirklich schönen Zeit mit Jakob, brach ich nachts auf, um nach Potosi zu reisen, wo mich die nächste Freiwillige, Hanna aus Kasel, empfing. Potosi liegt noch höher als La Paz. Durch die dort herrschende dünne Luft sind meine Lippen aufgeplatzt.

In Potosi kam ich morgens um 6 Uhr an. Um Hanna nicht aus dem Tiefschlaf zu reißen, wartete ich noch 2 Stunden am Busbahnhof. Dann suchte ich ihr Haus auf. Hanna war leider krank. Eine Mandelentzündung veranlasste sie dazu, im Bett zu bleiben. Glücklicherweise trafen am gleichen Abend zwei ehemalige Sofia Freiwillige, Max und Lucas, in Potosi ein, sodass ich mit ihnen etwas bolivianische Kultur erleben konnte. Denn ausgerechnet an dem Wochenende an dem ich eintraf, begann das jährliche Stadtfest. Riesige Umzüge mit Tanzgruppen aus ganz Bolivien beherrschten das Straßenbild. Wir besichtigten samstags den Umzug. Es war sehr interessant die als sehr verschlossen geltenden Bolivianer, bei ihren Tänzen und Gesaengen zu beobachten. Die beiden ehemaligen Freiwilligen fühlten sich direkt wieder heimisch und tanzten mit. Schockiert war ich vom Alkoholkonsum der Bolivier anlässlich dieses Festes.  Sie tranken sehr viel Bier, puren Wodka, ja sogar puren Alkohol (80 Prozent). Die Stimmung war ausgelassen, dass Fest ging bis tief in die Nacht. Max erklärte mir, dass bei solchen Festen, verbunden mit dem Alkoholkonsum, nicht selten Leute ihren Kater auf der Strasse ausschliefen- und nicht mehr erwachten.

Diese Erzählung bestätigte sich mir leider am nächsten Morgen, als ich um 8.30 Uhr zum Busbahnhof ging, um meine weiterfahrt nach Villazon, an die argentinische Grenze zu buchen.

Beim Hinweg sah ich auf der Strasse drei Männer liegen, welche „schliefen“, bei zweien kann ich nichts Genaues zum Zustand sagen, doch bei einem bin ich mir ziemlich sicher, dass er nicht mehr erwachte, denn die Augen waren geöffnet. Nun, durch meine Zeit im Krankenhaus habe ich gelernt mit dem Tod umzugehen. Tote zu sehen, kann ich verkraften. Doch was mich so sehr erschreckte: Keiner kümmerte sich darum. Beim Rückweg (9.30 Uhr) lagen die Körper noch genauso da. Die Leute gingen daran vorbei, die Kinder spielten auf der Strasse, keiner tat irgendwas. Die Bolivianer sind in mancher Hinsicht schon ein krasses Volk. Mir etwas zu krass. Am Abend, als ich zum Bus ging, waren die Körper dann verschwunden.

Der Bus zur Weiterfahrt stand bereit. Auf dem Foto sah er noch ganz nett aus, doch das erste Bild, was sich mir bot, als ich ihn in live sah, war erschreckend. Nicht dass der Bus überaltert gewesen wäre, nein. Aber diese Gefährt war sehr ungepflegt, dreckig und machte keinen sicheren Eindruck. Ich fragte mich noch, warum der Bus „geländegängig“ hergerichtet war. Das Fahrwerk höher gelegt,   sehr dickes Profil an den Reifen, im Inneren Stangen um die Karosserie zur Verstärkung, und außerdem war vorne am Bus ein Stossfänger angebracht.

Ich sollte noch früh genug erfahren, warum der Bus solche Dinge benötigt.

Als ich einstieg, saß eine Dame, mittleren Alters, größeren Ausmaßes auf meinem Sitzplatz.

Ich sagte ihr höflich, dass sie auf meinem Platz sitze. Ihre Reaktion war nur ein böser Blick. So setzte ich mich neben sie. Durch ihren unvorteilhaften Körperbau war es ihr leider nicht möglich, nur die für ihr vorgesehene Fläche der Sitzbank zu beanspruchen. Außerdem war ihr Körpergeruch nicht der angenehmste. Körperkontakt zu vermeiden war unmöglich. Ich saß auf dem Sitz, die Körperoberhälfte stark Richtung Gang gelehnt, die Unterhälfte sicher verankert zwischen Oberschenkel der Dame und der Armlehne, welche man nicht verstellen konnte und dachte mir nur, dass ich das nächste Mal 7 Euro für 2 Sitzplätze bezahlen werde, anstatt der 3,5 Euro für einen (den ich in Wirklichkeit nur halb genutzt habe.)

Die erste halbe Stunde der Fahrt war noch recht angenehm, verglichen mit dem, was mich die nächsten 8 Stunden erwarten sollte. Erst verließen wir Potosi, dann die geteerte Strasse. Auf steinigem Weg ging es steil bergab. Der Bus krachte und man sah rechts und links nichts mehr aus den Fenstern, da wir so viel staub aufwirbelten. Nach und nach flog alles, was man im Fach über sich verstaut hatte  wieder herunter. Ich wurde Opfer meiner eigenen 2 Liter Wasserflasche, welche mir eine dicke Beule verpasste.

Wenn Gegenverkehr kam wurde stark gebremst. Dann musste einer zurücksetzen, denn die Strasse war einspurig. Nach einer halben Stunde hielten wir an. Mitten in der Prärie stand ein Haus, in dem wir zu Abend aßen. Als ich den Bus verließ roch ich die Bremsen. Der Fahrer spritzte Wasser auf sie, um sie zu kühlen.

Nach einer halben Stunde ging es weiter. Wieder gut eingekeilt, Oberkörper zum Gang. So verbrachte ich die nächsten 8 Stunden der Nacht. Hellwach statt schlafend, wahrend die Bolivier ein Schnarchkonzert veranstalteten. Einmal gab es einen kleinen Schlag, der Bus bremste stark. Zwei Männer stiegen aus und räumten das Vieh beiseite, welches der Bus gerade angefahren hatte. Dann ging es sofort wieder weiter. Nach acht Stunden kam die Erlösung. Asphalt- der Bus rollte ruhig, und ich schlief ein. Eine halbe Stunde später kamen wir an der Grenze an. Zielort, von hier aus ging es zu Fuß weiter.

Diese Busfahrt werde ich nie vergessen. Wenn man sie als touristisches Spektakel auslegen wollte, könnte man das Fünffache des Fahrpreises nehmen (Geländebusfahrt- die Höllenstrasse der Anden hinab -halber Sitz inklusive). Ja, von dieser Busfahrt werde ich noch meinen Enkeln erzahlen.

In Villazom angekommen, traf ich ……,eine junge Frau, welche mit mir als einzige Touristin im Bus reiste. Ich fragte sie, wo es zur Grenze geht. Sie wußte es nicht. So fragten wir einen Bolivianer und gingen dann gemeinsam los.

….. ist 28 Jahre, deutsche, aber in Simbabwe,  in einer deutschen Kolonie aufgewachsen.

…… hat Fotografie studiert, hat jedoch im Marketing gearbeitet. Sie hat vor einem halben Jahr gekündigt, um mit dem ersparten Südamerika zu bereisen. ….. heißt übrigens …… weil wir uns nie vorgestellt haben. Sie ist so eine typische Reisebekanntschaft. Man kommt über eine Frage ins Gespräch, geht ein Stueck gemeinsam, dann trennt man sich wieder.

Wir passierten also gemeinsam dir Grenze, gingen zum Busbahnhof, kauften Tickets. Sie nach Salta, ich nach Buenos Aires. Ihr Bus fuhr sehr bald, ich wünschte ihr alles Gute.

Um 2 Uhr Nachmittags konnte ich dann meine nächste Busreise antreten. Die Frau am Schalter sah wohl, dass ich eine lange Nacht hinter mir hatte. So gab sie mir im Doppeldeckerbus die erste Sitzreihe mit Panoramablick. Die Busreisen in Argentinien sind mit die Besten in Südamerika. Wir hatten Wasser Cola und Cafe an Bord. Außerdem waren die Mahlzeiten schon im Ticketpreis mit drin. Für die nächsten 24 Stunden brauste ich also in erster Reihe durch Argentinien- vom bergigen Norden, bis hinunter in den flachen Süden. Die Reise verlief fast Reibungslos- wären da nicht die zwei Polizeikontrollen gewesen. Die erste Kontrolle verlief noch recht problemlos. Die beiden Beamten wollten nur die Pässe von uns sehen, dann ließen sie uns weiter fahren. Bei der zweiten jedoch gab es eine komplette Kontrolle. Aussteigen, Gepäck nehmen und in eine Reihe aufstellen. Nach und nach wurden alle kontrolliert. Alle? Fast alle. Angefangen beim jungen Bolivianer, über die Mutter mit Kind, den alten (etwas senilen) Herren im Anzug,  die alte Dame und das Plüschtier des 6 jährigen- alle wurden kontrolliert. Dann kam Ich, -der Deutsche-.

Ich zeigte meinen Reisepass, legte meine Sachen auf den Tisch. Er sah mich an und sagte, ich könne mich in den Bus setzten und warten. Ich fühlte mich schlecht. Am liebsten hätte ich gesagt, er solle mich kontrollieren, wie er es hier schließlich mit jedem tut. Doch bei der südamerikanischen Polizei sagt man lieber zu wenig, als zu viel. Ich stieg in den Bus und schaute von meinem Panorama Platz zu, wie jede Tasche ausgeräumt und jede Unterhose umgedreht wurde.

In solchen Momenten fange ich immer an, die Gerechtigkeit in Frage zu stellen. Was soll das? Könnte ich denn nicht genauso Drogen an mir haben, wie der alte Herr oder die junge Mutter, oder das Kind? Nein, ich bin ja -der Deutsche-. Vorurteile die die Welt bestimmen. Ich bin der Saubere, die anderen werden besser zweimal Kontrolliert- warum? Das liegt an der Herkunft.

Nach einer guten Stunde konnte die Fahrt, ohne Fund, fortgesetzt werden.

Ich schlief in dieser Nacht wie ein Stein und wachte zur Mittagspause auf. Das Essen war, naja, sagen wir OK. Danach konnten wir uns noch den neuen Batman –Film ansehen. Dann waren wir auch schon da. Buenos Aires, die Hauptstadt Argentiniens.

Ich checkte in einem Hostel direkt neben dem Obelisk ein.

Hier bin ich nun. Von hier aus ist alles Sehenswerte gut zu erreichen. Das ist auch gut so, denn finanziell bin ich wieder da, wo ich so oft bin. Am Limit. Die letzten drei Tage ernährte ich mich von dem Frühstück vom Hostel und von Luigis Mozarellapizza, direkt um die Ecke. 10 Pesos (2,3 Euro) für eine riesengroße Pizza.

Die Stadt ist wirklich schön, doch was soll ich sagen? Auf Grund der Größe ist sie, so wie alle Weltstädte, sehr global. An jeder zweiten Ecke MC Donalds oder Burger King, überall internationales Essen. Das einziges was mir hier als typisch argentinisch auffällt, sind die VoKuHiLa Frisuren der Männer (VorneKurzHintenLang) und die gewollt zerzausten Haare der Frauen. Der Emo-Stil hält hier sehr stark Einzug.

Liebe Freunde

Es ist 15 Uhr. Ich bin am letzten Tag meines Freiwilligen Soziales Jahr (mit anschließender Reise) angelangt. Ich sitze im Hostel und habe schon ausgecheckt. Um 21 Uhr werde ich Südamerika verlassen. Um 15 Uhr deutscher Zeit in Frankfurt landen.

Ich erwarte Deutschland mit einer riesigen Vorfreude. Familie und Freunde wieder zu sehen, alte Gewohnheiten zu fühlen, die bekannte Natur wieder zu sehen, die heimische Kultur zu betreten. Nicht leicht soll dieser Schritt sein. Oft genug wird man davor gewarnt. Doch es tut sehr gut, zu wissen, dass man immer noch Freunde zu Hause hat, auf die man sich verlassen kann und welche einem den Einstieg mit Sicherheit erleichtern.

Keine Angst, ihr werdet wieder von mir hören! Einen letzten Rundbrief soll es geben, noch einmal eine Reflektion von zu Hause. Außerdem möchte ich noch einen Wiedersehensabend veranstalten. Mit all meinen Freunden, Verwandten, Bekannten und Interessierten.

Ich freue mich riesig auf ein Wiedersehen mit euch allen!

Gruß, ein letztes Mal aus Südamerika!!

Euer Thomas

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: